Kultbuch wird 40 Der unendliche Streit um "Die unendliche Geschichte"

Vor 40 Jahren erschien "Die unendliche Geschichte" und machte ihren Autor reich. Dann geriet Michael Ende an Bernd Eichinger - der erst in seinen Garten pinkelte und den Roman danach in eine deutsche Disney-Schnulze verwandelte.

imago/ Prod.DB

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Ein Damen-T-Shirt mit dem Schriftzug "Atréju", eine Handyhülle mit dem Elfenbeinturm der kindlichen Kaiserin: Noch 35 Jahre nach der Filmpremiere lässt sich mit Fanartikeln der "Unendlichen Geschichte" Geld verdienen - und wird um die Vermarktungsrechte gestritten.

Bislang lagen diese bei Michael Endes früherem Lektor Roman Hocke, den der kinderlose Schriftsteller kurz vor seinem Tod adoptierte und damit zu einem reichen Mann machte. Jetzt, im Frühjahr 2019, steht Hocke als Beklagter vor Gericht, weil sich der Sohn von Filmproduzent Dieter Geissler für den eigentlichen Rechteinhaber hält. Er hatte einst die Filmrechte von Michael Ende gekauft.

Das Ringen um "Die unendliche Geschichte" begann allerdings bereits 1977. Mit "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer" hatte Ende 1960 ein Buch vorgelegt, das ihn als Schriftsteller finanziell unabhängig machte. Einige Jahre später zog er in die Nähe von Rom, wo er "Momo" schrieb, ebenfalls ein großer Erfolg. Danach aber fand er immer seltener den Weg vom Sofa an den Schreibtisch - bis sein Verleger auftauchte und die nächste große Geschichte anmahnte.

Der Autor griff daraufhin nach einem Schuhkarton und entnahm ihm einen Zettel mit einer Jahre zuvor notierten Idee: "Ein Junge gerät während des Lesens buchstäblich in die Geschichte hinein und findet nur schwer wieder heraus." Der Verleger war interessiert, und der Autor fiel sofort in seinen gewohnten Arbeitsrhythmus: Er schrieb nachts und ließ sich anderntags das Geschriebene von seiner Frau, der Schauspielerin Ingeborg Hoffmann, vortragen.

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Dreharbeiten zur "Unendlichen Geschichte": Schweiß, Gestank und Fluchtreflex

Seinem Verleger hatte Ende gesagt, er könne mit einem hundertseitigen Buch rechnen. Doch da irrte er. "Mir ist diese Geschichte förmlich unter den Händen explodiert", sagte er später in einem Interview. "Die unendliche Geschichte" wuchs und wuchs, Ende verpasste das Abgabedatum, auch andere geschäftliche Verabredungen konnte er nicht einhalten, und stets brachte er dieselbe Entschuldigung vor: Beim Schreiben der Geschichte eines Jungen, dessen Weg zur Selbsterkenntnis ihn in ein Fantasieland führt, habe er selbst nicht mehr aus diesem Land herausgefunden.

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22.03.2019, 13:30 Uhr
Ohne Gewähr

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Michael Ende
Die unendliche Geschichte

Verlag:
Thienemann in der Thienemann-Esslinger Verlag GmbH
Seiten:
480
Preis:
EUR 20,00

Nachdem er vier Fünftel des Manuskripts in den Papierkorb geworfen hatte, blieben rund 500 Seiten übrig. Der Plot: Ein dicker Außenseiter namens Bastian Balthasar Bux entdeckt einen Roman über das Land Phantásien, das durch das wachsende "Nichts" aufgefressen wird. Im Auftrag der kindlichen Kaiserin soll der Indianerjunge Atréju die Zerstörung aufhalten. Je länger Bastian liest, desto mehr taucht er in die Geschichte ein, bis er schließlich selbst ein Teil von Phantásien und damit der Held seiner eigenen Geschichte wird. Der dicke Bastian war - natürlich - das Alter Ego seines Autors, der nicht nur von seinen Mitschülern, sondern auch den Lehrern mit Sätzen wie "Da kommt das dicke Ende" beleidigt wurde.

"Guru der Birkenstockträger"

"Die unendliche Geschichte" erschien 1979 und verkaufte sich von Beginn an gut; nach einigen Monaten gingen die Verkaufszahlen förmlich durch die Decke. Im Gespräch mit einestages erinnert sich der Produzent Ulli Pfau, der über die Dreharbeiten eine Dokumentation und ein Buch machte, an den Hype um den Roman: "Die konnten zeitweise nicht mehr nachdrucken, denen ist das Papier ausgegangen!"

Michael Endes Hymne an die Macht der Fantasie wurde zum Kultbuch und der Autor laut Ulli Pfau zum "Guru der Birkenstockträger". Viele Jünger beließen es allerdings nicht bei distanzierter Anbetung, sie tauchten vor Endes Haus in Italien auf. Einem Journalisten der "Welt" berichtete Ende damals, wie die ungebetenen Gäste seine Privatsphäre höflich ignorierten: "Du, Michael, können wir bei dir im Garten zelten? Wir wollen mit dir reden, das wäre unheimlich wichtig."

Ein anderer fragte erst gar nicht, bevor er Endes Garten betrat, um sich dort zu erleichtern: Bernd Eichinger. Der aufstrebende Produzent war zwar Gast im Hause Ende, doch dass er, statt das WC zu benutzen, an einen der vom Autor selbst gepflanzten Bäume pinkelte, machte ihn zumindest für Endes Frau zur Unperson.

Aber Eichinger hatte eben auch unglaublich viel Charme, und damit wickelte er Michael Ende zunächst um den Finger. Der hatte die Filmrechte bereits an den Produzenten Dieter Geissler und zwei Kompagnons verkauft. Doch Geissler, dessen Sohn heute die Merchandising-Rechte einklagt, erkannte schnell, dass diese Verfilmung einen Aufwand verlangte, den er nicht stemmen konnte - und so war er froh, als Eichinger in das Projekt einstieg.

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Autoren-Hass auf Filme: Zu schön, zu heterosexuell, zu plüschig

Für Michael Ende begannen mit dem Verkauf der Rechte die Probleme. Dass er sein Werk zur Verfilmung freigab, brachte ihm zunächst großen Ärger mit seinen Lesern ein, wie Ulli Pfau in seinem Drehbericht "Phantásien in Halle 4/5" berichtet: "Jeden Tag bekomme ich geharnischte Briefe, und Wörter wie 'Drecksau' und ähnliche sind durchaus nicht die drastischsten!"

Bernd Eichinger suchte währenddessen einen Regisseur und Drehbuchautor und meinte, in Helmut Dietl den richtigen Mann gefunden zu haben. Dietls Drehbuchentwurf fiel allerdings bei potenziellen Geldgebern in den USA durch, und schließlich einigten sich die beiden Münchner trotz Vertrag auf eine Trennung.

Dietls Abfindung war für Eichinger leicht zu verschmerzen; denn ihm, der mit "Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" erst einen großen Erfolg vorzuweisen hatte, war klar geworden, dass die Verfilmung dieses Buchs nur mit einem Riesenbudget gelingen konnte. Und er setzte alles auf eine Karte: Als weder Regisseur, Drehbuch noch die wichtigsten Finanziers feststanden, holte Eichinger bereits die Stars der europäischen Tricktechnik in die Bavaria Filmstudios. Die meisten Crewmitglieder konnte er mit der Aussicht auf ein baldiges Honorar hinhalten; nur die englischen Puppenspieler gingen erst an die Arbeit, als sie Geld auf dem Konto hatten.

Seinen Regisseur Wolfgang Petersen fand Eichinger erst in letzter Sekunde, und auch der amerikanische Geldgeber Warner sagte erst zu, als die Produktionsfirma "Neue Constantin" kurz vor dem finanziellen Kollaps stand. Und dann war da ja noch Michael Ende, der ein vertragliches Mitspracherecht am Film und mittlerweile gemeinsam mit Wolfgang Petersen ein Drehbuch geschrieben hatte. Eichinger hielt dieses Buch für ungeeignet, zu vergeistigt, damit würde der Film in den USA krachend scheitern.

Also nahm er Änderungen vor, machte das Drehbuch massentauglich und Michael Ende damit zu seinem Feind. "Ich weiß, dass das Drehbuch Ende damals um den Schlaf gebracht hat, er hat wirklich gelitten", sagt Ulli Pfau. Mit Ende und Eichinger trafen zwei Welten aufeinander: Während der Autor vor nichts mehr Angst hatte als einer Disney-Version der "Unendlichen Geschichte", wollte Eichinger, der damals bevorzugt Micky-Maus-T-Shirts trug, genau das. Und weil sich Eichinger durchsetzte, wurde der Film eine Kinderschnulze ohne Tiefgang und Rücksicht auf die innere Logik des Buchs.

Dass - um nur ein Beispiel zu nennen - der Glücksdrache Fuchur in der letzten Szene in die reale Welt eindringt und dort einen Tieffliegerangriff gegen drei Jungen startet, die Bastian terrorisieren, machte Michael Ende stinkwütend. Er ließ umgehend seinen Namen aus dem Film streichen und beschimpfte Eichinger, wo er nur konnte.

"Ich konnte ein ganz bisschen zwischen beiden Seiten vermitteln, aber viel war da nicht mehr zu retten", erinnert sich Ulli Pfau. Eichinger und Ende, mit dem Pfau noch bis zu dessen Tod 1995 Kontakt hatte, seien tolle Menschen gewesen. Doch ihre Erwartungen an die Verfilmung hätten nicht gegensätzlicher sein können.

Preisabfragezeitpunkt:
22.03.2019, 11:20 Uhr
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Die unendliche Geschichte (digitally remastered)
Preis:
EUR 3,99 (leihen)
Regie: Wolfgang Petersen

Mit einem Budget von 60 Millionen DM war "Die unendliche Geschichte" einer der teuersten deutschen Filme. Das Geld sah man dem Film allerdings nicht an. "Das Imperium schlägt zurück", vier Jahre zuvor erschienen und deutlich günstiger, spielte in jeder Hinsicht in einer anderen Liga. Trotzdem wurde "Die unendliche Geschichte" ein großer finanzieller Erfolg - und davon profitierte auch Michael Ende. "Durch die Verfilmung sind die Buchverkäufe noch mal in die Höhe geschossen, alle Beteiligten haben an diesem Projekt enorm verdient", sagt Ulli Pfau.

Michael Endes enormer Reichtum hatte allerdings nicht lange Bestand. Ende der Achtziger stellte er fest, dass sein Finanzberater, dem er freie Hand gelassen hatte, durch Fehlinvestitionen sein gesamtes Vermögen vernichtet hatte. Damit er seine monatlichen Lebenshaltungskosten von 10.000 DM decken konnte, nahmen seine Verleger eine Hypothek auf ihr Haus auf.

"Irgendwie passt das zu Michael Ende", sagt Ulli Pfau. "Er war ein hochgebildeter und sehr interessierter Mann - aber eben auch ein etwas weltfremder Märchenonkel."

insgesamt 46 Beiträge
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Seite 1
Patricia Jessen, 11.03.2019
1. habe den Film trotzdem geliebt...
... dann das Buch gelesen und muss sagen, dass das Buch für ein Kind unter 10 (ich war sieben) eher schwere Kost ist. Trotzdem muss ich beiden - Eichener wie Ende - dankbar sein; es gab schwierige Zeiten in meinem Leben, gerade als Jugendliche, da haben mich die Philosophie des Buchs und der Charme des Films davor bewahrt, Amok zu laufen oder aus dem Fenster zu springen. Insofern - ich liebe bis heute beides!
Markus Staudt, 11.03.2019
2. Ich bin 50 Jahre alt...
...und habe "Die unendliche Geschichte" sozusagen "Live" miterlebt. Ich habe dieses Buche geliebt und bis huete insgesamt bestimmt 10 mal gelesen. Der Film hingegen war so schlimm.... ich kann Michel Endes Wut gut verstehen, ich selber saß entsetzt im Kino ob dieses Machwerkes, das mit dem Buch wirklich nichts mehr zu tun hatte. Selbst heute müsste eine Verfilmung an dem "Nichts" scheitern, das nun mal... na ja, eben NICHTS ist, aber das dampfende, brodelnde Nebelzeugs aus dem Film war nur eine von so vielen furchtbaren Umsetzungen. Ganz zu schweigen von dem nicht vorhandenen eigentlichen Sinn des Buches. Eichinger ist in seiner Sparte genau wie Dieter Bohlen: Erfolgreich aber ignorant dem Genre gegenüber.
Frank Widi, 11.03.2019
3.
1984 war ich 14 und wohl schon zu alt für diese Geschicht. Habe ihn mit Kumpels gesehen und wir fanden ihn alle schlecht, vor allem die Special Effects! Aber 1984 hatte es kinotechnisch auch echt in sich, da liefen Blockbuster wie: Terminator, Dune - Der Wüstenplanet, Ghostbusters, Es war einmal in Amerika, Indiana Jones, Gremlins, Conan, 2010 usw. da war schon mächtig Konkurrenz am Start! Eigentlich erstaunlich das "die unendliche Geschichte " bei der Mega-Konkurrenz trotzdem noch erflogreich war...!
Moles Harding, 11.03.2019
4. Geschichten sind wie eigene Kinder...
gibt man sie aus der Hand mutieren oft sie zu etwas dass man sich nicht wirklich wünscht. Hier sind es Kindergärten und Schulen, das Leben allgemein dort kommerziell orientierte Produzenten. Aber, was ist die Alternative. Als stolzer. armer Künstler sterben? Die Kinderchen im Dachboden gefangen zu halten? Ende mag nicht das bekommen haben was er verdient in Sachen würdige Umsetzung, die Adaption hat aber viele glücklich gemacht auch mich als ich klein war. Und das ist doch auch was wert. Das Buch habe ich im Anschluss verschlungen und ich gestehe es war mir im Vergleich fast etwas zu langatmig. Der Stoff wie im Buch wäre kaum auf einen Film herunter zu brechen, ich denke gerne zurück an die kurze Version die vielleicht nur ein wenig des Zaubers inne hatte den Ende hier ersann. aber immer noch genug Magie um mich und viele andere zu beflügeln. Danke dafür an alle...
Michael Grüening, 11.03.2019
5. Wenn es ums Geld geht ...
... stirb die Phantasie und alles wird zur Fantasy.
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