Studie Neun von zehn Mandel-OPs bei Kindern sind unnötig

Die Entfernung der Mandeln gehört zu den häufigsten Operationen bei Kindern. Laut einer britischen Studie ist der Eingriff allerdings meistens überflüssig - und kann im schlimmsten Fall sogar schaden.

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Bakterien, Viren oder Pilzsporen: Die Mandeln fangen viele Krankheitserreger ab, bevor sie überhaupt in den Körper gelangen und verhindern so Infektionen. Allerdings haben sie damit nicht immer Erfolg. Teilweise werden die Mandeln selbst zum Problem, beispielsweise wenn sie sich entzünden. Gerade bei Kindern werden die Mandeln deshalb häufig entfernt - zu oft eine medizinische Fehlentscheidung, kritisiert eine britische Studie.

Demnach sind 88 Prozent der Gaumenmandel-OPs in Großbritannien unnötig, wie die Forscher im Fachblatt "British Journal of General Practice" berichten. Gleichzeitig blieben Tausende Kinder, denen ein Eingriff helfen könnte, unbehandelt. "Wenn Ihr Kind häufig an einer schweren Mandelentzündung leidet, bietet eine Operation einen gewissen Vorteil", sagt Tom Marshall von der University of Birmingham, der an der Studie mitgearbeitet hat. Allerdings gebe es kaum Hinweise darauf, dass der Eingriff langfristig Vorteile biete.

Schaden die OPs mehr als sie nützen?

Die Forscher hatten anonymisierte Krankenakten aus Hunderten Allgemeinarztpraxen in Großbritannien aus den Jahren 2005 bis 2016 ausgewertet. Insgesamt berücksichtigten sie die Daten von 1,6 Millionen Kindern. Mehr als 18.000 von ihnen wurden in dem Zeitraum die Mandeln entfernt. Doch nur bei rund 2000 sei der Eingriff nachweislich nötig gewesen, etwa weil die Kinder häufig an einer Mandelentzündung litten.

So ist die Situation in Deutschland

Die sogenannte Tonsillektomie gehört auch in Deutschland zu den häufigsten Eingriffen bei Kindern. Allein im vergangenen Jahr wurden laut Statistischem Bundesamt etwa 31.750 Kindern im Alter bis 15 Jahren die Gaumenmandeln entfernt.

Häufig spielt dabei auch der Wohnort eine Rolle. So hatte eine Studie aus dem Jahr 2013 gezeigt, dass in einigen Landkreisen deutlich mehr Kinder operiert wurden als in anderen. In manchen Kreisen griffen die Mediziner demnach aufgrund chronischer Entzündungen im Schnitt zwölfmal häufiger zum Messer als in anderen. Bei vergrößerten Mandeln war der Abstand noch ausgeprägter: Hier unterschieden sich die durchschnittlichen Operationszahlen um das bis zu 58-fache.

"Medizinisch lassen sich solche großen Unterschiede nicht erklären", sagt Reinhard Berner, Klinikdirektor an der Dresdner Uniklinik. Stattdessen wird offenbar in einigen Regionen zu oft operiert, während der Eingriff in anderen Regionen ausbleibt, obwohl er gerechtfertigt wäre. Der Kinder- und Jugendarzt hat deshalb gemeinsam mit anderen Medizinern eine neue Leitlinie entwickelt, wann ein Eingriff ratsam ist.

Wann ist eine Mandel-OP sinnvoll?

"Wir empfehlen erst zu operieren, wenn ein Kind innerhalb eines Jahres häufiger als sechsmal an einer Mandelentzündung erkrankt, die mit Antibiotika behandelt werden muss", sagt Berner. Zudem sei eine OP ratsam, wenn vergrößerte Mandeln beim Schlafen für Atemaussetzer sorgen.

Leidet ein Kind seltener als dreimal pro Jahr an einer Mandelentzündung, sollte auf eine Operation verzichtet werden. Liegt die Zahl der Erkrankungen pro Jahr zwischen drei und sechs, kann die Entfernung der Mandeln sinnvoll sein. Allerdings nur, wenn das Kind auch in den sechs Monaten darauf häufiger an einer Mandelentzündung leidet. "Seit die neue Leitlinie für die Therapie von Mandelentzündungen gilt, hat die Zahl der Eingriffe in vielen Regionen abgenommen", sagt Berner.

Doch noch immer gebe es lokale Unterschiede. Woran das liegt, wissen die Forscher nicht genau. Sie vermuten jedoch, dass lokale Ansichten von Ärzten und Eltern ebenso eine Rolle spielen könnten wie die Versorgungslage. In Kreisen ohne eine HNO-Fachabteilung etwa lag die Häufigkeit der Mandeloperationen mit Abstand am niedrigsten. In Kreisen mit großen HNO-Fachabteilungen hingegen wurde oft überdurchschnittlich häufig operiert.

Eine Neubewertung von Nutzen und Risiken bei Mandeloperationen für Deutschland ist für Ende 2019 geplant. Vor Kurzem hatte eine Studie gezeigt, dass Mandel-OPs langfristig sogar schaden könnten. Kinder, denen die Gaumenmandeln entfernt wurden, hatten demnach bis zum 30. Lebensjahr ein fast dreimal so hohes Risiko für Erkrankungen der oberen Atemwege im Vergleich zu Nichtoperierten. Unklar ist allerdings, ob die Operationen für das spätere erhöhte Krankheitsrisiko verantwortlich sind oder ob es an anderen Faktoren liegt.

insgesamt 17 Beiträge
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krautrockfreak 08.11.2018
1. Ach, welch eine Neuigkeit! Auch die meisten Hüft- und Blinddarm-OPs
sind unnötig. Sie dienen primär dazu, den Ärzten und Krankenhäuser ihre Einnahmen zu garantieren, auf Kosten der Beitragszahler. Es wird viel zu schnell operiert, oftmals bringen die OPs nichts (außer hohen Kosten) und manchmal sind sie sogar kontraproduktiv. Ich kenne so einige Fälle, da haben es die "Probanten" bereut, dass sie sich vorschnell auf den Rat der Ärzte eingelassen haben. Und auch viele MRTs, Schulter- oder Knieoperationen sind unnötig, viele Rücken-OPs unnötig etc. etc. Das ist halt unser System, Ärzte sind Unternehmer, die wie alle eine Gewinnmaximierung anstreben. Und daran wird dieses an sich gute System auch zugrunde gehen - nicht an mangelnden Einnahmen, sondern an zu hohen Ausgaben. Denn, der Patient kriegt ja nahezu alles erstattet. Also, wo ist das Problem, her mit der OP! Deshalb benötigen wir wie in anderen Ländern auch üblich eine angemessene Selbstbeteiligung. Dann würde sich jeder genau überlegen, ob die OP wirklich sein muss.
karljosef 08.11.2018
2. Unnötig?
Aber nur für die Kinder! Zumindest in unserem System sind diese OPs für die Krankenhäuser aternativlos systemrelevant! Es wäre eine hervorragende Aufgabe, um die sich unser Wuschkanzler Spahn mal kümmern könnte?
Viertelstein 08.11.2018
3. Es gibt eine Alternative
Mir wollte man mit 17 Jahren meine häufig entzündeten Mandeln ebenfalls entfernen. Ich versuchte es vorher aber bei einem Naturheilarzt. Dieser setzte mir auf jeder Seite am Hals 3 Blutegel an. Nach 30 Minuten waren die satt und fielen ab. Meine Mandeln habe ich heute noch und sie sind gesund. Danke Jörn (RIP).
tiefenrausch1968 08.11.2018
4. Mandeln raus
Mir haben sie wegen häufiger Entzündungen die Mandeln entfernt. Danach bekam ich ständig Bronchitis, inzwischen hab ich alle Allergien die es gibt und chronisches Asthma. Durch das chronische Asthma hab ich öfter Kortison bekommen, dadurch hat meine Schilddrüse gelitten. Mit den Gewichtszunahmen durch Depotspritzen und die folgende Unterfunktion (Zusammenhang kann natürlich nicht bewiesen werden) hatte ich arg zu kämpfen. Also ich würde meinem Kind nicht die Mandeln entfernen lassen, überhaupt würde ich chirurgische Eingriffe nur als allerletzte Maßnahme befürworten.
saaman 08.11.2018
5. Ist das wirklich 2018 festgestellt worden?
Ich kenne Studien, die bezüglich überflüssiger und sogar schädlicher Mandeloperationen zum gleichen Ergebnis kommen, aus den 1990er Jahren. Und auch davor waren Mandel- und Blinddarm Operationen unter Fachleuten schon als Geschäftemacherei oder Übungsfelder für Ärzte in Ausbildung verschrieen. Es ist empörend, wie träge wir wissenschaftliche Erkenntnisse umsetzen.
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