Lkw-Fahrer im Stress "Die braten ihr Kotelett auf dem Tank"

Hotel statt Kabine: Die Arbeitsbedingungen für Fernfahrer sollen besser werden. Hier beschreibt ein Rechtsanwalt, der selbst Trucker war, die bittere Realität auf Deutschlands Straßen.

Lkw auf einem Ratsplatz bei Münster
DPA

Lkw auf einem Ratsplatz bei Münster


"Auf einer Autobahn in Niedersachsen hat die Polizei einen Lkw-Fahrer aus dem Verkehr gezogen, der tagelang fast durchgehend hinter dem Steuer saß. Der Mann hatte sechs Tage lang jeweils 18 bis 22 Stunden gearbeitet." Solche Meldungen gibt es ständig.

Am Dienstag haben sich nun die EU-Verkehrsminister auf bessere Sozialstandards für Lastwagenfahrer geeinigt. Geplant sind fairere Löhne, kürzere Touren und lange Pausen im Hotel statt im Truck. Wie sollen die neuen Regeln in der Praxis umgesetzt werden - und kommen sie tatsächlich bei den Fernfahrern an?

Diese Fragen gehen an Klemens Bruch. Er ist Rechtsanwalt und er kennt die Branche wie kaum ein anderer. Fast zehn Jahre saß er selbst auf dem Bock, als Lkw-Fahrer in Norwegen. Er wollte eine Auszeit von der Juristerei, sagt er, und sich einen Jugendtraum erfüllen.

Zurück im Anwaltsleben blieb er den neugewonnenen Kollegen treu. Heute vertritt er die Rechte von Spediteuren und Fernfahrern. Da geht es viel um Sozialvorschriften wie die Einhaltung der Lenkzeiten und entsprechende Bußgelder.

Zur Person
  • Autobahnkanzlei Wilnsdorf
    Klemens Bruch, geboren 1960, ist Anwalt in der Autobahnkanzlei Wilnsdorf und auf Strafen und Bußgelder im Verkehrsrecht spezialisiert. Anfang des Jahrtausends ist er knapp zehn Jahre lang selbst Lkw gefahren.

SPIEGEL ONLINE: Herr Bruch, auf den Autobahnen begegne ich Ihren ehemaligen Kollegen zwangsläufig, da versuche ich allerdings, auf Abstand zu gehen. Der Fahrstil ist oft beängstigend. Gucken die da Fußball oder was?

Bruch: Die Fahrer leiden unter einem schlechten Image. Sie gelten als böse Buben, die brutal fahren, sich nicht an Regeln halten und eine Gefahr für die Allgemeinheit sind. Natürlich gibt es schwarze Schafe, aber die Mehrheit macht einen seriösen Job.
Die Fahrer sind allerdings ständig am Limit: Wenn in der Baustelle 80 erlaubt ist, dann fahren sie das auch. Und je enger die Straße ist, desto schwerer ist es, die Spur zu halten. Die Welt sieht von da oben anders aus.

SPIEGEL ONLINE: Und einen Gang runterschalten ist nicht drin?

Bruch: Der deutsche Fernfahrer steht unter hohem Stress und enormen Termindruck. Mal kurz rausfahren und einen Kaffee holen ist nicht. Dann hat der Fahrer gleich seinen Chef am Apparat. Er solle die Termine einhalten. Und wenn er das nicht leisten kann, kommt sicherlich das Argument, dass es billigere Fernfahrer auf dem Markt gibt als ihn.

SPIEGEL ONLINE: Woher weiß der Chef, dass der Fahrer Pause macht?

Bruch: Es gibt keine Berufsgruppe, die so lückenlos überwacht wird. Der Spediteur kommt morgens an seinen Computer und sieht per GPS genau, wo sein Fahrer ist. Im Lkw gibt es zudem ein Gerät ähnlich der Blackbox im Flugzeug, das zeichnet alles auf. Da können Sie die Lenk- und Pausenzeiten für ein ganzes Jahr auslesen. Fahrern wird es bereits vorgeworfen, wenn sie nur zehn Minuten zu lange hinter dem Steuer sitzen. Dabei können sie oft nichts dafür, weil es einfach nicht genug Parkplätze gibt.

SPIEGEL ONLINE: Das ist auf deutschen Autobahnraststätten nicht zu übersehen. Die Lkw stehen abends ja fast bis raus auf den Beschleunigungsstreifen.

Bruch: Es fehlen sichere, gute Parkplätze. Jetzt stehen die Laster oft in Gewerbegebieten. Doch auch die Kommunen wollen sie nicht haben und stellen Verbotsschilder auf.
Hier müsste man auch die Unternehmen in die Pflicht nehmen, die sie beliefern. Der Discounter sollte einen Parkplatz zu Verfügung stellen, mit Toilette und wenn möglich Aufenthaltsraum.
Die Wahrnehmung von Lkw ist: Die sollen nur liefern, aber dann wieder verschwinden. Wir erwarten zwar, dass jemand uns unsere Päckchen bringt und den Joghurt ins Kühlregal stellt. Aber mehr wollen wir von den Lkw nicht sehn.

SPIEGEL ONLINE: Die EU-Verkehrsminister haben sich jetzt auf eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen von Lkw-Fahrern in Europa geeinigt. Punkt eins, das sogenannte Kabinenverbot. Die Fahrer sollen die wöchentliche Ruhezeit von 45 Stunden am Stück nicht mehr in ihren Führerhäusern verbringen dürfen. Was halten Sie davon?

Bruch: Fahren Sie am Wochenende mal auf einen Parkplatz in Belgien oder Frankreich. Da braten sich die Kollegen ihr Kotelett aus lauter Verzweiflung auf dem Tank. Die Fahrer aus dem Osten müssen hier auf dem Weg in den Westen ihre vorgeschriebene Pausenzeit verbringen. An dieses Problem will man damit ran: Die Unternehmen sollen durch das Verbot gezwungen werden, ihre Fahrer beispielsweise im Hotel unterzubringen. Allerdings kann es sein, dass der Fahrer das letztlich selber zahlen muss.
An dem generellen Parkplatzproblem ändert das nichts. Die Ruhepause von elf Stunden verbringt der Fahrer natürlich in seiner Kabine. Das ist das Fernfahrerprinzip. Moderne Lkw bieten da auch einen gewissen Komfort, ähnlich wie in einem Wohnmobil, wenn auch deutlich kleiner. Mikrowelle, Lattenrost und Kaffeemaschine gehören selbstverständlich dazu.

Im Video: Nicht ohne meinen Truck - Lkw-Fahrer als Beruf

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SPIEGEL ONLINE: Punkt zwei der Gesetzesänderung: Der Fahrer soll maximal vier Wochen am Stück in Europa unterwegs sein.

Bruch: Aktuell sind die Kollegen etwa aus Bulgarien arm dran. Sie sind wochenlang unterwegs, ohne ihre Familie zu sehen. Das ist gut, dass der Gesetzgeber da rangeht. Das eigentliche Problem sind aber die sogenannten Cabotage-Fahrten. Da wird ein Lkw, beispielsweise aus Rumänien, wo die Lohnkosten deutlich niedriger sind, wochenlang für Fahrten von München nach Berlin eingesetzt. Das ist extrem billige Konkurrenz. Erlaubt sind binnen sieben Tagen nur drei solcher Fahrten. Aber die Kontrollen sind zu gering.

SPIEGEL ONLINE: Hilft da der dritte Punkt im Gesetz, laut dem die Fahrer künftig so bezahlt werden sollen, wie es an ihrem Einsatzort üblich ist? Demnach müssten für die Cabotage-Fahren in Deutschland dann deutsche statt rumänische Löhne gezahlt werden.

Bruch: Die Idee ist gut, aber auch hier ist die Kontrolle das Problem. Ab 2024 soll es sogenannte intelligente Fahrtenschreiber geben, die Grenzübertritte automatisch überwachen. Damit wird es dann einfacher.

SPIEGEL ONLINE: Für die deutschen Fernfahrer ändert das Gesetz dann aber kaum etwas?

Bruch: Wenn langfristig der Preisdruck aus dem Osten sinkt, ist das natürlich auch für die Kollegen in Deutschland gut. Wo man hierzulande dringend ran müsste, ist der Betrug am Kontrollgerät. Leider ist es üblich, dass die Lkw-Fahrer die Ware nicht nur an die Discounter liefern, sondern selbst noch entladen. In der Zeit stellt der Fahrer sein Kontrollgerät auf "Pause", obwohl er noch im Arbeitsmodus ist. Solange das nicht stärker kontrolliert wird, bleibt dem Fahrer kaum eine andere Wahl. Beschwert er sich beim Chef, sagt der: Kannste gleich kündigen. Noch gibt es ja billige Konkurrenz.



insgesamt 75 Beiträge
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Valis 05.12.2018
1. Schwachsinn
Das man unwürdige Arbeitsbedingungen abstellen möchte bei denjenigen die es nötig haben ist eine gute Sache. Es gibt aber unzählige seriöse gute Spediteure die Hundertausende an Euros in die Hand genommen haben in ihre Brummiflotte mit Kabine und allem drum und dran. Spediteure die Sonderzahlungen zahlen und und und. Diese Kraftfahrer schlafen gerne in ihren Fahrzeugen. Dann können sie nach dem Schlafen fix duschen und dann weiter. Wie soll das gehen mit den Hotels??? Parken auf der Raststätte und dann mit dem Taxi ins Hotel und am nächsten Morgen wieder zurück zum Brummi?? Eine ganz neue Diebstahlkriminalität wird sich auftun. Vom Prinzip her ist ja Brummiplatz verlassen und leichte Beute. Alles überhaupt nicht durchdacht und für mich nicht umsetzbar.
exHotelmanager 05.12.2018
2. Toller Anwalt!
Nicht nur in 80er-Baustellen ist die zulässige Höchstgeschwindigkeit für LKW auf 80 km/h begrenzt.
odenkirchener 05.12.2018
3. Hm, werden. . .
. . . nicht LKW Fahrer gesucht? Oder ist das die gleiche Ente wie bei dem Arbeitskräfte-Mangel?!?
themistokles 05.12.2018
4.
Zitat von ValisDas man unwürdige Arbeitsbedingungen abstellen möchte bei denjenigen die es nötig haben ist eine gute Sache. Es gibt aber unzählige seriöse gute Spediteure die Hundertausende an Euros in die Hand genommen haben in ihre Brummiflotte mit Kabine und allem drum und dran. Spediteure die Sonderzahlungen zahlen und und und. Diese Kraftfahrer schlafen gerne in ihren Fahrzeugen. Dann können sie nach dem Schlafen fix duschen und dann weiter. Wie soll das gehen mit den Hotels??? Parken auf der Raststätte und dann mit dem Taxi ins Hotel und am nächsten Morgen wieder zurück zum Brummi?? Eine ganz neue Diebstahlkriminalität wird sich auftun. Vom Prinzip her ist ja Brummiplatz verlassen und leichte Beute. Alles überhaupt nicht durchdacht und für mich nicht umsetzbar.
Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Es gibt einige Möglichkeiten, LKWs entsprechend sicher gegen Diebstahl zu machen. Kostet halt nur Geld. Allgemein geht es aber darum, Arbeitnehmer vor Ausbeutung zu schützen. Beispiele werden im Artikel ja genug genannt. Da die Branche aber scheinbar nicht willig ist, gute Arbeitsbedingungen von sich aus zur Verfügung zu stellen, muss jetzt mal der Gesetzgeber ran.
hegoat 05.12.2018
5.
Die Fernfahrer sind im Grunde arme Schweine, die aufgrund der geringen Qualifikation, die für diesen Job erforderlich ist, stets von der Kündigung zugunsten von Billigkonkurrenz bedroht sind. Wenn ich dann auf der Autobahn LKW-Fahrer sehe, die im Führerhaus permanent nach unten rechts schauen (Handy oder Fernseher) oder 5 m auf den vorausfahrenden LKW auffahren, frage ich mich, wie viel Zeitdruck die von oben haben und wann sie zum letzten Mal Ruhezeit hatten. Erst recht, wenn ich in Radio dann wieder höre "... ungebremst in ein Stauende..."
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