Erklärung der Vielen "Künstler müssen nicht neutral sein"

140 Berliner Kulturinstitutionen haben eine "Erklärung der Vielen" vorgestellt - und treten für die Freiheit der Kunst ein, gegen Angriffe von rechts. Ihre Warnung: Vor allem auf dem Land wachse die Bedrohung.

Unterzeichner der "Erklärung der Vielen" in Berlin
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Unterzeichner der "Erklärung der Vielen" in Berlin

Von Felix Wellisch


Die Vielfalt soll bei der Vorstellung der "Erklärung der Vielen" im Max-Liebermann-Haus neben dem Brandenburger Tor schon auf dem Podium sichtbar sein: Zehn Leute sind auf der Bühne. Es gibt mehr Sprecher als Plätze, Moderator Holger Bergmann von Verein "Die Vielen" bittet alle, sich kurz zu fassen. "Eine Idee der Vielen ist, dass sie nicht als Institution auftreten", sagt er - also nicht nur einen Sprecher, sondern viele.

140 Berliner Kulturinstitutionen haben dort gemeinsam die "Erklärung der Vielen" vorgestellt. Sie wollen sich damit für die Freiheit der Kunst und gegen Angriffe von Rechten auf Kulturinstitutionen einsetzen. Im Text heißt es: "Rechte Gruppierungen und Parteien stören Veranstaltungen, wollen in Spielpläne eingreifen und arbeiten an einer Renationalisierung der Kultur." Die Unterzeichner möchten "völkisch-nationalistischer Propaganda" kein Podium bieten und durch "Dialog mit Mitwirkenden und dem Publikum" die Demokratie stärken.

Unter den Unterzeichnern finden sich zahlreiche bekannte Berliner Theater, Museen und Konzerthäuser, aber auch Bibliotheken, Kunsthochschulen und Kleinkunstbühnen. Ähnliche Erklärungen veröffentlichten auch Kulturschaffende in anderen deutschen Städten, darunter Hamburg, Düsseldorf und Dresden. In ganz Deutschland haben sich bisher mehr als 300 Kulturinstitutionen angeschlossen.

"Gefährliche Normalisierungen"

"Auf dem Spiel steht nicht weniger als die Freiheit der Kunst, die wir vielleicht zu lange als selbstverständlich betrachtet haben", sagt Annemie Vanackere, Intendantin des Theaters Hebbel am Ufer. Man freue sich auf das Bündnis und auf "ein gemeinsames Handeln gegen Diskriminierung, gefährliche Normalisierungen und für die Freiheit der Kunst."

Auch Berndt Schmidt, Intendant des Friedrichstadt-Palasts, sieht Kulturinstitutionen zunehmend unter Druck von rechts. Er selbst hatte sich vergangenes Jahr gegen die AfD positioniert. Die Folgen waren Hassmails und eine Bombendrohung. "Wir sind ein großes Haus, aber wie muss sich das für kleine Kulturinstitutionen anfühlen, in so einen Sturm zu geraten?", sagt Schmidt. Die Erklärung der Vielen bedeute: Wer eine Kulturinstitution angreife habe von heute an 140 gegen sich. Schmidt findet: "Künstler und auch Intendanten müssen nicht neutral sein, wenn sie spüren, dass Menschenrechte und das Grundgesetz ausgehöhlt werden sollen."

Dabei dürfe man den Unterschied zwischen Stadt und Land nicht vergessen, sagt Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates. Der Druck von rechts nehme zu. In Berlin sei man noch auf einer Insel der Glückseligen, doch je kleiner der Ort, desto größer die Bedrohung, sagt Zimmermann. Er will mit der Erklärung der Vielen auch Druck auf die Politik ausüben, "damit der Staat seine Verpflichtung, Künstler und Kultureinrichtungen zu schützen ernster nimmt als im Moment".

Zur Frage, was die Initiative jetzt plane, erklärt Holger Bergmann, man wolle regional agieren: Nicht eine zentrale Organisation aufbauen, sondern viele Gruppen vor Ort. Die Berliner Erklärung sieht einerseits Veranstaltungen auf regionaler Ebene vor, andererseits sollen sich alle Unterzeichner an einer bundesweiten Kampagne mit Aktionstagen und Dialogforen beteiligen. Zudem verpflichten sich die Unterstützer zu "gegenseitiger Solidarität mit Kultureinrichtungen, die durch Hetze und Schmähungen unter Druck geraten". Für Mai nächsten Jahres ist eine Demonstration in Berlin geplant.

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insgesamt 17 Beiträge
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vox veritas 09.11.2018
1.
Eine mutige Stellungnahme. Gegen Angriffe von Links kann man sich ja auch hervorragend wehren, in dem man deren Lied singt. Man sollte doch probeweise mal eine künstlerische Aktion gegen den Einen oder Anderen Punkt linker Politik machen, z.B. die hoffungslose Staatsverschuldung, die von linke Parteien vorangetrieben wird. Mit großer Sicherheit würde Künstler sich dann ebenfalls linken Angriffen ausgesetzt sehen.
k-d.hollbecher 09.11.2018
2. Freiheit der Kunst
ist ein ganz wichtiges, schützenswertes Gut. In einer so gespaltenen Gesellschaft, wie der unseren derzeit noch wichtiger. Allerdings erhöht das auch die Verantwortung der Künstler selbst, für ihr Produkt: das Kunstwerk.Es sollte das Ziel des Künstlers sein, dass er mit seiner Kunst auch den durchschnittlich Gebildeten erreicht, denn sonst bleibt er/sie im eigenen Kosmos gefangen und bewirkt nichts, im schlimmsten Fall das Gegentiel ("Ist das Kunst, oder kann das weg"). Abgehobene, elitäre Kunst, die nur noch der Schöpfer selbst begreift oder ein kleiner Kreis Gleichgesinnter, ist wirkungslos. Der Künstler braucht Publkum, und das sollte herterogen und zahlreich sein. Kunst kommt von "Können" und um etwas zu können, muß man vorher etwas gelernt oder erfahren haben. Schwierig wird es, wenn diese Voraussetzungen fehlen und nur nach den Fördermitteln geschielt wird. Dann muß es in der Demokratie möglich sein zu sagen:"Aber das ist doch keine Kunst", sonst wird ihre Freiheit mißbraucht.
KuGen 09.11.2018
3. Künstler müssen nicht neutral sein
Sehr wahr. Sie müssen aber auch nicht gefördert werden. Insbesondere, wenn sie Linksextrem sind. Und / oder andere diffamieren oder herabsetzen.
serbskisokol2 09.11.2018
4. Paßt sonst nirgends, eben hier 11.11. -11Uhr elf -Stimmung,Konfetti
Zitat von k-d.hollbecherist ein ganz wichtiges, schützenswertes Gut. In einer so gespaltenen Gesellschaft, wie der unseren derzeit noch wichtiger. Allerdings erhöht das auch die Verantwortung der Künstler selbst, für ihr Produkt: das Kunstwerk.Es sollte das Ziel des Künstlers sein, dass er mit seiner Kunst auch den durchschnittlich Gebildeten erreicht, denn sonst bleibt er/sie im eigenen Kosmos gefangen und bewirkt nichts, im schlimmsten Fall das Gegentiel ("Ist das Kunst, oder kann das weg"). Abgehobene, elitäre Kunst, die nur noch der Schöpfer selbst begreift oder ein kleiner Kreis Gleichgesinnter, ist wirkungslos. Der Künstler braucht Publkum, und das sollte herterogen und zahlreich sein. Kunst kommt von "Können" und um etwas zu können, muß man vorher etwas gelernt oder erfahren haben. Schwierig wird es, wenn diese Voraussetzungen fehlen und nur nach den Fördermitteln geschielt wird. Dann muß es in der Demokratie möglich sein zu sagen:"Aber das ist doch keine Kunst", sonst wird ihre Freiheit mißbraucht.
daichvergeblich danach suchte, und es am besten unterKultur paßt, wollte ich Euch allen, der Redaktion in Hamburg und Berlin, den vielen Postern etc. nur zurErinnerung sagen, daß in zwei Tagen der Elfte Elfte Elf Uhr elf für uns da ist.Relaxt mal bitte und entspannt Euch vom Job.Schwer genug ist ja die gegenwärtige Zeit mit Kanzlerdämmerung, Neuaufstellung der CDU, dem Ertragen der Dauerlügen und trotzdem Fortbestand der Ego-First aus Übersee usw.Mal kurz die Seele baumeln lassen. Grüsse allen Mitstreitern von SPIEGEL/SPON
Horst-Güntherchen 09.11.2018
5. Kein Neuigkeitswert
Also Rechtsextremismus im Kulturbereich ist meiner Meinung nach das geringste Problem. Ich habe in vielen Veranstaltungen (sei es nun Theater, Museum etc.) eher den gegenteiligen Eindruck gewonnen.
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