Ryan Gosling als Neil Armstrong Der kann bei jedem landen

Wie hat es sich angefühlt, als erster Mensch zum Mond zu fliegen? Regisseur Damien Chazelle und Schauspieler Ryan Gosling über ihren Film "Aufbruch zum Mond" und die Frage, was Neil Armstrong von Trump unterscheidet.

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Zur Person
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    Ryan Gosling, geboren 1980 in London, Ontario, stand bereits als Kind für den "Mickey Mouse Club" vor der Kamera. Zuletzt war er in "Blade Runner 2049" und "La La Land" zu sehen. Für letzteren Film erhielt er seine zweite Oscar-Nominierung als bester Hauptdarsteller. Für seine Darstellung von Neil Armstrong könnte nun die dritte folgen.
Zur Person
  • ddp images/ Capital Pictures
    Damien Chazelle, geboren 1985 in Providence, Rhode Island, gewann 2017 den Regie-Oscar für "La La Land". Er ist der jüngste Gewinner der Trophäe. Sein Regiedebüt gab er 2009 bereits mit einem Musical: "Guy and Madeline on a Park Bench". Der Durchbruch gelang ihm 2014 mit dem Musikerdrama "Whiplash". Als nächstes dreht Chazelle für Apple die TV-Serie "The Eddy", in der es um Musiker in Paris gehen soll.

SPIEGEL ONLINE: Mr. Chazelle, Mr. Gosling, Sie schildern in "Aufbruch zum Mond" die technischen Mühen und menschlichen Opfer, die Neil Armstrong und seine Kollegen bis zur erfolgreichen Mondlandung im Jahr 1969 bringen mussten. Haben sich die Mühen und Opfer Ihrer Meinung nach gelohnt?

Gosling: Die Astronauten zogen los, um den Mond zu erforschen und haben am Ende gelernt, neu auf die Erde zu blicken. Jedenfalls haben das einige von ihnen gesagt, und mir gefällt diese Behauptung. Durch die Landung auf dem Mond und die während der "Apollo"-Missionen entstandenen Fotografien von der Erde, mit denen wir alle aufgewachsen sind, ist der Menschheit überhaupt erst klar geworden, wie zerbrechlich unser Planet ist. Durch diese Bilder waren wir plötzlich imstande zu erkennen, wie verloren unser Planet durch das Weltall trudelt. Wie fragil unsere Existenz inmitten dieser unermesslichen schwarzen Leere ist.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben historische Filmszenen mit dem Protestsänger Gil Scott-Heron und seinem Song "Whitey on the Moon" in Ihren Film eingebaut, in dem angeprangert wird, dass die USA Millionen Dollar für Nasa-Mondraketen ausgaben, während Hunderttausende arme Menschen im Land große Not litten. Was wollen Sie damit ausdrücken?

Gosling: Als wir anfingen, uns mit der Mondlandung zu beschäftigen und das Drehbuch für "Aufbruch zum Mond" entwickelt haben, haben wir viel über die damaligen Gegner des Nasa-Programms geredet. Und da habe ich Damien eben eines Tages diesen Song vorgespielt.

Venedig-Eröffnungsfilm "First Man"

Chazelle: Tatsächlich war mir gar nicht klar, wie heftig die Amerikaner damals über das "Apollo"-Programm gestritten hatten. Ich dachte ursprünglich etwas naiv, dass eigentlich jeder hätte begeistert sein müssen, dass die Amerikaner auf den Mond wollten. Für mich bringt der Song sehr überzeugend die Argumente zum Ausdruck, die man damals gegen das Projekt einwenden konnte. Ein Teil der US-Bevölkerung lebte in deprimierenden, ärmlichen Verhältnissen, viele junge Amerikaner kämpften in Vietnam. Da war es schwer zu begründen, warum man so viel Geld in Raketen zum Mond investieren sollte.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren beide noch nicht geboren, als die Männer der "Apollo 11" auf dem Mond landeten. Was hat Sie an diesem Unternehmen so interessiert, dass Sie einen Film darüber machen wollten?

Chazelle: Unser Ansatz war kleiner. Wir haben uns gefragt, wie sich dieses Unternehmen für Neil Armstrong und für die Menschen um ihn herum angefühlt hat. Wie sie all diese Risiken eingehen und ins Unbekannte aufbrechen konnten. Aus meiner Sicht ist die Mondlandung bis heute ein riesiger, kaum begreiflicher Fortschritt. Im Jahr 1969 war der erste Flug über den Atlantik gerade mal 50 Jahre her. In den fünf Jahrzehnten seit der Mondlandung sind wir erstaunlicherweise nicht mehr besonders vorangekommen, wir sind zum Beispiel nicht weiter hinaus ins Weltall gereist. Ich wollte wissen, was das Unternehmen der Mondlandung für jeden Einzelnen der Astronauten bedeutet hat. Während der Vorbereitung konnte keiner von ihnen sicher sein, dass er am Ende selbst zu den Auserwählten gehören und zu einer historischen Figur werden würde.

Gosling: Mich hat von Anfang an der extreme Gegensatz gefesselt zwischen der Arbeit der Astronauten und dem ziemlich gewöhnlichen Leben, das diese Männer mit ihren Familien führten. In ihrem Job waren sie einem unglaublichen Druck ausgesetzt, sie wollten das Unbekannte draußen im All und die großen Mysterien der Welt erforschen. Und dann gingen sie nach Hause, mähten ihren Rasen und trugen den Müll hinaus. Als Schauspieler interessiere ich mich immer für die Extreme eines Charakters oder einer Geschichte. Ich kenne keine Geschichte, in der die Extreme so extrem sind wie die in Neil Armstrongs Biografie.

SPIEGEL ONLINE: Warum mussten Sie diese Geschichte gerade jetzt erzählen, im Jahr 2018?

Gosling: Weil sie zwar einzigartig ist, aber absolut universell. Neil Armstrong und seine erste Ehefrau mussten mit dem Tod ihrer ersten Tochter zurechtkommen, mit einem Schicksalsschlag. Trotzdem hat er es geschafft, mit scharfem Verstand und maximaler Konzentration entscheidend zum Gelingen der Mondlandung beizutragen. Zu einer Grenzüberschreitung, die buchstäblich eine überirdische Dimension hat.

Chazelle: Ich habe gemeinsam mit Ryan sehr eingehend die Lebensgeschichte und den Charakter von Neil Armstrong studiert, wir haben mit seinem Sohn und mit seiner zweiten Ehefrau geredet. Wir waren uns einig, dass seine Demut und Hingabe, seine Bereitschaft, alle privaten Sorgen hintanzustellen und sich nicht um die Außenwahrnehmung seines Verhaltens zu kümmern, Neil Armstrong zu einer wirklich herausragenden Figur machten. Seine Bescheidenheit und sein Gemeinsinn unterscheiden ihn stark von den Tugenden, die wichtige amerikanische Männer im Augenblick öffentlich zur Schau stellen.

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"Aufbruch zum Mond": Ein fürchterlich stiller Held

SPIEGEL ONLINE: Also war Neil Armstrong für Sie ein echter amerikanischer Held?

Chazelle: Ich würde ihn als einen Superhelden aus dem wirklichen Leben bezeichnen. Interessant an Neil Armstrong sind gerade seine nicht heldenhaften Seiten. Natürlich kann man von keinem Menschen wissen, was wirklich in seinem Kopf vorgeht, aber wir wollten ihm so nahe wie möglich kommen.

Gosling: Für mich ist Neil Armstrongs Geschichte die Geschichte eines Mannes, der auf den Mond reisen musste, damit er seinen Platz auf der Erde finden konnte.

Chazelle: Ich wollte dem Publikum auch in einem körperlichen Sinn vermitteln, wie es Armstrong ergangen ist. Wie es konkret in einem Raumschiff aussah, wie verdammt hart die Vorbereitungsarbeit war, was für eine quälende Nervenprobe. Ich wollte dem Zuschauer wenigstens eine Ahnung von der Realität einer Reise in einer Rakete zum Mond vermitteln. Wenn der Zuschauer im Kino sitzt und der Film losgeht, sitzt er sofort unter dem Flügel eines B-52-Bombers und wird in die Atmosphäre geschleudert!

SPIEGEL ONLINE: Mit einem unfassbaren Krawall.

Gosling: Und wenn man genau hinhört, kann man Damian im Hintergrund schreien hören: "Lauter! Mehr!"

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SPIEGEL ONLINE: Warum spielen der Kalte Krieg und der historische Wettlauf zwischen russischen und amerikanischen Weltraumpiloten in Ihrem Film kaum eine Rolle?

Chazelle: Weil wir uns strikt an Neil Armstrong und seine Geschichte gehalten haben. Ich glaube nicht, dass Armstrong ein kalter Krieger war. Ich glaube nicht, dass er viel darüber nachgedacht hat, dass die Amerikaner den Russen zuvorkommen wollten. Darum ging es seinen Chefs. Für ihn war es wichtig, die Aufgabe zu erfüllen, die man im aufgebürdet hatte. Er hat sich auf die technischen Fragen und physikalischen Probleme konzentriert. Auf eine verrückte Art war die geopolitische Situation für Neil Armstrong völlig unwichtig, davon bin ich überzeugt. Er war ein Ingenieur, fixiert darauf, Probleme zu lösen.

Gosling: Man kann das Unternehmen Mondlandung natürlich unter historischen und geopolitischen Aspekten sehen. Uns hat der existenzielle Blickwinkel interessiert.

SPIEGEL ONLINE: Und Ihrer Überzeugung nach sind Männer wie Armstrong geläutert aus dem Weltall zurückgekehrt?

Gosling: Einer der Astronauten hat gesagt: "Natürlich hast du eine völlig neue Sicht auf die Welt, wenn du wieder zurück bist auf der Erde. Aber dann sitzt du zwei Tage später doch wieder hinterm Steuer deines Autos im Stau im Stadtverkehr und drückst wütend auf die Hupe, weil es nicht vorangeht." Vermutlich ist es sehr schwer, die neue Sicht auf die Welt konsequent durchzuhalten.

Im Video: Der Trailer zu "Aufbruch zum Mond"

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Chazelle: Ich würde sagen: Es geht darum, die kosmische neue Sicht und die normale des Erdbewohners zu kombinieren.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie selbst gern auf den Mond fliegen nach all dem, was sie jetzt über das Unterfangen wissen?

Gosling: Ich? Ich glaube nicht!

Chazelle: Mein Magen würde es nicht aushalten, ich bin nicht der Typ dafür. Mir wird schon schwummrig, wenn ich in ein Flugzeug steige. Umso mehr bewundere ich die Menschen, die das Risiko eingegangen sind. Sie sind buchstäblich Pioniere. Als ich mir zum ersten Mal eins dieser "Apollo"-Raumschiffe ansah, es gibt ja nur noch wenige zu besichtigen, habe ich gestaunt, wie klein diese Dinger sind, wie klapprig.

SPIEGEL ONLINE: Letzte Frage: Ist der Mond weiblich oder männlich? In den romanischen Sprachen zum Beispiel ist er weiblich, in der deutschen Sprache männlich.

Chazelle: Oh, das Geschlecht des Mondes ist unklar? Das wusste ich nicht.

Gosling: Es tut mir leid, wenn ich Ihre Illusionen zerstören muss, aber ich bin mir sicher: Der Mond ist weder Frau noch Mann. Es ist nur ein Felsbrocken.


"Aufbruch zum Mond" kommt am 8. November in die deutschen Kinos.



insgesamt 6 Beiträge
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napoleonwilson 08.11.2018
1. Ryan Gosling...
Super in Drive als Wortkarger Outlaw. Top als Police Officer im Retro Mafia Thriller. Durchgefallen als Neuer Harrison Ford im Bladerunner Remake. Meine subjektive Meinung. La La Filme sehe ich nicht.
rhg005 08.11.2018
2. Produktionskosten
Die Produktionskosten dieses Films können nicht sehr hoch gewesen sein. Man hat ja bestimmt die Kulissen von 1969 verwenden können.
Edgard 08.11.2018
3. Ich bin mal gespannt...
... wieweit sich der Film mit den verschiedenen Berichten und Aufzeichnungen deckt die darüber erstellt wurden (das SPIEGEL-Sonderheft dazu ist leider eine Enttäuschung) und meinen Erinnerungen als ich die Flüge ab Apollo 8 selbst verfolgen konnte. Die Astronauten hat dieses Erlebnis stark geprägt, oft verändert - was diese Mission und die Rückkehr ins normale Leben für "Buzz" Aldrin bedeutete ist in seinem Buch "Magnificent Desolation" nachzulesen, und vor einigen Jahren fasste Andrew Smith seine Interviews mit den 9 (von ehemals 12) noch lebenden Astronauten die den Mond betreten hatten ("Pete" Conrad war kurz vorher bei einem Motorradunfall ums Leben gekommen) in "Moonwalker" zusammen - beide Bücher werden leider auch im SPIEGEL-Heft in den Literaturtips nicht erwähnt. Ich habe es schon lange vermieden zu versuchen mit Verschwörungsschwurblern im Netz zu diskutieren; stattdessen bereite ich einen Vortrag bei der VHS über die Geschichte der Mondlandung vor und werde die Behauptungen eines angeblichen "Moonhoax" auch experimentell untersuchen, und dabei werde ich mit sicherheit diese Leute weder als "Theoretiker" (dazu fehlt meist selbst elementarstes Wissen) noch als "Skeptiker" adeln, denn Letzterer hinterfragt; Mondlandungsleugner jedoch stellen Behauptungen auf. Um Michael Collins ("Carrying the Fire") zu zitieren: "Vertrauen zwei Amerikanern ein Geheimnis an - mindestens einer rennt damit sofort zur Presse."
seriphos02 09.11.2018
4. Was mich bei Verschwörungstheoretikern interessiert ist ...
Zitat von rhg005Die Produktionskosten dieses Films können nicht sehr hoch gewesen sein. Man hat ja bestimmt die Kulissen von 1969 verwenden können.
... wo ihre Wahrnehmung von "Realität“ in die Witterung einer Verschwörung übergeht. Müssen es Verschwörungs-Highlights wie Mond oder World Trade Center sein, auf die sich alle stürzen ... oder gibt es da eine fliessende Grenze? Ist zum Beispiel das Erreichen des Weltraums durch einen Menschen schon Fake? Oder gar jeder Flug am Himmel? Andersherum: wenn das Erreichen des Weltraums kein Fake ist, warum ist es dann die Landung auf dem Mond? Sprich: geht es hier um Kult-Objekte des Zweifelns, oder gibt es da eine gewisse Logik, die sich mir nicht erschliessen will?;-)
christian simons 09.11.2018
5.
Zitat von seriphos02... wo ihre Wahrnehmung von "Realität“ in die Witterung einer Verschwörung übergeht. Müssen es Verschwörungs-Highlights wie Mond oder World Trade Center sein, auf die sich alle stürzen ... oder gibt es da eine fliessende Grenze? Ist zum Beispiel das Erreichen des Weltraums durch einen Menschen schon Fake? Oder gar jeder Flug am Himmel? Andersherum: wenn das Erreichen des Weltraums kein Fake ist, warum ist es dann die Landung auf dem Mond? Sprich: geht es hier um Kult-Objekte des Zweifelns, oder gibt es da eine gewisse Logik, die sich mir nicht erschliessen will?;-)
Was die Mondlandung angeht, halte ich mich raus. Aber dank Joko und Klaas gibt es begründete Zweifel, sobald es um die Echtheit von Ryan Gosling geht.
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