Verhafteter Regisseur Serebrennikow "Abzubrechen war niemals eine Option"

Wie dreht man einen Film fertig, wenn der Regisseur während der Dreharbeiten verhaftet wird? Der Produzent von Kirill Serebrennikow neuem Film "Leto" über Arbeiten im Ausnahmezustand.

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    Ilya Stewart, geboren 1986 in Moskau, arbeitet als Filmproduzent in seiner Heimatstadt. Er ist Mitbegründer von Hype Productions, die Kirill Serebrennikows Film "Der die Zeichen liest" 2016 produzierte. Während der Dreharbeiten für ihren neuen Film "Leto" wurde Serebrennikow wegen Vorwürfen der Untreue verhaftet und unter Hausarrest gestellt. Der Film über die Leningrader Rockszene der Achtzigerjahre sowie den Aufstieg von Viktor Tsoi zu einem der wichtigsten Popmusiker Russlands wurde trotzdem fertiggestellt. Am 8. November kommt er in die deutschen Kinos.

SPIEGEL ONLINE: Herr Stewart, ist Ihr Film "Leto" ein Akt des Widerstands?

Stewart: Zuallererst ist er ein Akt der Kunst und ein Beweis dafür, dass Kunst und Kreativität stark genug sind, um sogar die Schwerkraft zu überwinden. Kunst und Kreativität sollten sich immer gegenüber der Politik behaupten. Ich glaube, der Umstand, dass "Leto" fertig wurde und Kirills Theater-, Opern- und Ballettarbeiten im vergangenen Jahr weiterhin aufgeführt wurden, spiegelt das sehr gut wider. Seine Arbeiten sprechen für sich selbst.

SPIEGEL ONLINE: Was hat Sie an Serebrennikow als Künstler interessiert?

Stewart: Ich habe Kirill schon lang vor unserer ersten Zusammenarbeit kennengelernt. Wir waren eine junge, aufstrebende Produktionsfirma, die gerade ihren ersten Spielfilm fertigstellte, als er uns vorschlug, gemeinsam eine Filmadaption von "Märtyrer", seiner sehr erfolgreicher Moskauer Inszenierung von Marius von Mayenburgs Theaterstück, zu drehen [daraus entstand der Kinofilm "Der die Zeichen liest", der 2017 in die deutschen Kinos kam]. Passenderweise war das mein Lieblingsstück. Als Produzent sehe ich es als meinen Auftrag an, starke und einzigartige Stimmen zu erkennen und ihnen ein Publikum zu verschaffen. Für mich ist Kirill die stärkste Stimme überhaupt, er ist jemand, der einfach jedes Genre, Thema oder Format anpacken kann. Er macht sich den Stoff immer zu eigen.

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Musikerfilm "Leto": Der Klang einer neuen Generation

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie vor seiner Verhaftung im August 2017 das Gefühl, dass er oder die Produktion in unmittelbarer Gefahr sein könnten?

Stewart: Die Vorbereitung der Produktion wie auch die Produktion selbst wurden definitiv durch eine Atmosphäre des Unbehagens erschwert. Die Vorwürfe wurden ja bekannt, bevor wir mit den Dreharbeiten begonnen hatten. Wir versuchten, uns allein auf die Arbeit zu konzentrieren und haben genau das geschafft - was auch zu Kirills einzigartigen Eigenschaften gehört. Er zieht die Leute an und formt mit ihnen eine große Familie, die von Anfang bis Ende zusammenhält. Das hat letztlich vielen von uns auch dabei geholfen, den Schock seiner Verhaftung zu überwinden.

SPIEGEL ONLINE: Wissen Sie noch, wie Sie von seiner Verhaftung erfahren haben?

Stewart: Wir drehten gerade in St. Petersburg, und ich war vor Ort am Set. Morgens erhielt ich dann einen Anruf, eine Stunde, bevor die Nachricht an die Presse ging. Wir hatten uns buchstäblich erst am Abend vorher, nachdem wir die Dailies [das aktuell gedrehte Filmmaterial] gemeinsam gesichtet hatten, voneinander verabschiedet. Während wir schliefen, wurde er verhaftet und in einem Transporter nach Moskau gebracht. Das hat die gesamte Produktion natürlich wie ein Erdbeben erschüttert, nicht nur auf der technischen Ebene, sondern ebenso auf der persönlichen und emotionalen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie zu irgendeinem Zeitpunkt daran gedacht, die Produktion abzubrechen? Was hat Sie davon überzeugt, dass es nötig und auch möglich ist, den Film fertig zu stellen?

Stewart: Abzubrechen war niemals eine Option. Wir waren überzeugt, dass wir den Film fertigstellen und ins Kino bringen mussten. Kirill hatte einen großen Zusammenhalt in der Crew geschaffen, alle, inklusive der Technik und Aushilfen, haben sich in die Arbeit gestürzt.

SPIEGEL ONLINE: Bei der Weltpremiere in Cannes haben Sie verraten, dass Sie vom Endergebnis dann überrascht waren: Serebrennikow hatte während des Hausarrests eine Schnittfassung erstellt und dabei auch das Filmmaterial erheblich bearbeitet - genauer gesagt an etlichen Stellen zerkratzt. Wie haben sich die Arbeitsabläufe während der Dreharbeiten und anschließend in der Postproduktion genau gestaltet?

Stewart: Wir steckten zwei Tage lang fest, bevor wir einen neuen Plan für die Dreharbeiten hatten und auch über seinen Rechtsanwalt Rückmeldung von Kirill bekommen hatten, wie es weitergehen sollte. Zum Glück hatten wir zu diesem Zeitpunkt den Großteil des Films schon gedreht. Viele der restlichen Szenen konnten wir aufgrund der bereits vorhandenen Probeaufnahmen sowie Kirills Anmerkungen dazu umsetzen und ihm zum Schnitt in seiner Wohnung zukommen lassen. Ohne gegen die Auflagen seines Hausarrests zu verstoßen. Das beinhaltete natürlich jede Menge komplizierte Kommunikation über seinen Anwalt.

SPIEGEL ONLINE: In Cannes war die Solidarität mit Serebrennikow und dem Film sehr groß. Wie bewerten Sie die Unterstützung der Filmbranche seitdem? Tun die Kolleginnen und Kollegen Ihre Meinung nach genug?

Stewart: Ich glaube, die Unterstützung, sowohl international wie lokal, ist über die ganze Branche hinweg allgegenwärtig und sehr beständig. Die Aufmerksamkeit hat sicherlich auch ihre Vorteile. Entgegen des weitverbreiteten Glaubens im Westen ist der Großteil der russischen Branche übrigens auch über die Vorwürfe, und wie mit ihnen umgegangen wird, empört.

SPIEGEL ONLINE: Mittlerweile ist "Leto" sehr erfolgreich in den russischen Kinos gelaufen. Wie gehen die Behörden mit der schizophrenen Situation um, dass ein Film Erfolge feiert, während sein Regisseur unter Hausarrest steht? Wie wird das rationalisiert?

Stewart: Neben "Leto" haben wir übrigens noch "After Leto" gedreht, einen Dokumentarfilm über die Ereignisse rund um den Originalfilm. Der war auch schon in den Kinos zu sehen. Und dann sind da ja noch die unfassbar erfolgreichen Theater- und Ballettproduktionen, die Kirill aus dem Hausarrest heraus gestemmt hat. Ich glaube, die Behörden wollten klarmachen, dass sie die Ermittlungen und die global erfolgreichen Arbeiten voneinander trennen. In der Kreativszene hat das in jedem Fall für eine kognitive Dissonanz gesorgt.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist Ihr Kontakt zu Serebrennikow zur Zeit? Was hoffen Sie für seine Zukunft?

Stewart: Wir können weiterhin nur über seinen Anwalt kommunizieren. Ich hoffe, dass die Absurdität bald aufhört und wir uns wieder unseren vielen Plänen für weitere Zusammenarbeiten zuwenden können. Meine Hoffnung ist es, dass Kirill bald neue Werke, die eine ganze Generation prägen, schaffen kann. Dass er darin behindert wird, ist ein herber Verlust für die künstlerische Gemeinschaft. Darin besteht das eigentliche Verbrechen hier.

Sehen Sie hier den Trailer von "Leto"

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