Buchmessen-Gastland Georgien ist spannend. Doch! Wirklich!

Jedes Jahr steht ein Gastland im Fokus der Frankfurter Buchmesse. Diesmal eben Georgien, dachten wir schulterzuckend. Bis unser Autor diese Auswahl an Büchern vorlegte: Was für ein Land, dieses Georgien!

Bücher aus Georgien (bei der Leipziger Buchmesse)
DPA

Bücher aus Georgien (bei der Leipziger Buchmesse)

Von Stefan Mesch


Fast 160 Romane, Sach-, Koch- und Kinderbücher, Kunst- und Lyrikbände aus Georgien erschienen seit 2012 in deutscher Übersetzung. Vom 10. bis 14. Oktober ist das christlich-orthodoxe Land am schwarzen Meer (so groß wie Bayern, 3,7 Millionen Einwohner) Ehrengast der Frankfurter Buchmesse.

Seit 1991 erlebte die ehemalige Sowjetrepublik einen Wirtschaftskollaps, eine Revolution, 2008 Bombardierungen durch Russland, bis heute Konflikte um die Grenzregionen Abchasien und Südossetien - und trotz allem einen Tourismus- und kulturellen Boom. Historisch sieht sich der patriarchale, religiöse Staat, der auf einen EU- und Nato-Beitritt hofft, als Grenze Europas zum Orient. Ein Underdog, in der Antike Heimat von Medea und dem goldenen Vlies; immer wieder erobert und besetzt, von Römern, Persern, Mongolen, Ottomanen und Russen.

Aka Mortschildadzes Historien-Parodie "Santa Esparanza" (2004; deutsch schon 2006) gilt als einflussreichster jüngerer Roman. 2014 wurde die 1300 Seiten lange Generationensaga "Das achte Leben (für Brilka)" zum Phänomen: Autorin, Übersetzerin und Regisseurin Nino Haratischwili studierte in Tbilisi, lebt in Hamburg und schreibt auf Deutsch.

Zehn aktuelle Titel und Wiederentdeckungen aus und über Georgien - sortiert vom schnellen ersten Blick bis zu komplexen Zeit- und Stimmungsbildern:


Nana Ekvtimishvili: Das Birnenfeld

Nana Ekvtimishvili
Getty Images

Nana Ekvtimishvili

Hätten die Birnen, die wild auf der morastigen Wiese am Waisenhaus wachsen, Geschmack: Sie wären längst gestohlen, verwertet. Gilt das auch für die Kinder, 8 bis 17, im maroden Heim? Spielfilmregisseurin Nana Ekvtimishvili, geboren 1977, wuchs in einem Wohnblock am Kinderheim der Gldani-Siedlung auf. Ihr Debütroman zeigt Lela, die mit 18 gehen könnte - doch lieber ins Wärterhäuschen zieht: Alle Kleingärten sind eingeebnet, zu Mietparkplätzen betoniert. Lela soll sie bewachen.

Ein karger Roman; nah, packend wie ein gutes Jugendbuch. 1995/96 fehlte Tbilisi oft tagelang der Strom. Familien gaben Kinder fort. Viele Mütter arbeiten bis heute illegal in Griechenland. Lela hasst die Beschützer- und Mutterrolle: Verletzliche, ungeschickte Waisen machen sie wütend. Wie perfide sich in der Not trotzdem jeder durch Weg- und Hinschauen verantwortlich und schuldig macht, zeigen kurze, oft verstörend offene Episoden. Lela prostituiert sich. Ein Hund bewacht den Kirschbaum, also töten ihn die Kinder mit einer Nadel im Futter. Für Lehrer, Erzieher werden die Waisen oft zur bloßen Ressource - auch sexuell.

Bücher über Wehrlose im Elend bleiben meist überheblich, kalkuliert. "Das Birnenfeld" wird von Seite zu Seite vertrackter, poetischer, nuancierter. Man muss nichts über Georgien wissen, um hier Verstrickungen, Figuren mitzunehmen, die tiefer nachklingen als bei Charles Dickens.

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Nana Ekvtimishvili:
Das Birnenfeld

Aus dem Georgischen von Ekaterine Teti und Julia Dengg

Suhrkamp; 220 Seiten; 16,95 Euro


Zura Abashidze: Wie tötet man Billy Elliot?

Zura Abashidze
Georgian National Book Center

Zura Abashidze

Wer würde "schnelle Häppchen" sagen zu den kompakten Short Stories, die montags im "New Yorker" erscheinen? Die berühmten Texte sind knapp, ja. Doch sie lesen sich wie Drive-by-Shootings: im Nu vorbei, aber maximal verstörend! Im selben vermeintlich simplen Stil zeigt Zura Abashidze, geboren 1995 und bisher einzig offen schwuler Autor Georgiens, Außenseiterinnen, Krawallschachteln, Idealisten und traumatisierte Kinder in Tbilisi oder seiner Heimatstadt am Schwarzen Meer, Batumi.

Wer sexuelle Selbstbestimmung und Identitäten als Luxusproblem abtun will, lernt hier in kurzen Szenen, Monologen, wie das große Existenzielle (Armut, Politik, Gewalt) alles scheinbar Kleine, Private vergiftet, erstickt, in die Enge treibt. "Verhalte ich mich wie ein typischer Junge?", "Bin ich eine anständige Frau?" Billy Elliot ist ein hässlicher, unsympathischer kranker Hund. Hat er Tollwut? Wie soll man ihn töten? Welche Räume lässt ein Land, in dem Familien und Nachbarschaften jeden Abweichler zu Scham und Konformismus drängen? Abashidzes Stories werden an Unis, in Gender-Seminaren diskutiert. Einige wirken plakativ - wie für den Ethikunterricht der achten Klasse. Die besten aber erinnern in Witz, Wärme, Menschlichkeit an Tschechow.

An jedem 17. Mai, zum internationalen Tag gegen Homophobie, ziehen christliche Schläger durch Georgiens Straßen. Kein Einzelfall. Sondern, zeigt "Wie tötet man Billy Elliot?": Rollenbilder und "traditionsbewusster" Hass, die alles durchdringen. Und allen schaden.

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Zura Abashidze:
Wie tötet man Billy Elliot?

12 Geschichten am Rand der Gesellschaft

Aus dem Georgischen von Iunona Guruli

Größenwahn Verlag; 180 Seiten; 16,90 Euro


Tilman Spreckelsen (Text), Kat Menschik (Illustrationen): Der Held im Pardelfell

Illustratorin Kat Menschik (Selbstporträt)
Kat Menschik

Illustratorin Kat Menschik (Selbstporträt)

Ein Versepos ist lang, heroisch, nationalistisch und gereimt. Schota Rustaweli war im 12. Jahrhundert Finanzminister der bis heute prägenden Regentin Georgiens, Königin Tamar. Das Epos vom "Ritter im Tigerfell" oder, je nach Übersetzung, "Jüngling im Pantherfell" kennt dort jedes Kind. Tilman Spreckelsen, "FAZ"-Redakteur und Sagenliebhaber, sah die bisherigen Übersetzungen durch. Und schuf einen reimlosen Erzähltext, bildstark wie ein Märchen und süffig, wendungsreich wie drei Folgen "Game of Thrones".

Statt einem traurigen Ritter und einer ihm versprochenen Adligen treffen drei, vier Männer auf mehreren Zeitebenen in wechselnden Königreichen auf fünf, sechs klug komplexe Frauen: Pathos und Freundschaft, Intrigen und Ideale, Verfolgungsjagden, Kriegszüge, Verkleidungen, Treueschwüre bis in den Tod und jahrelange Questen, Odysseen zwischen Kaukasus, Indien und dem Nahen Osten. 2011 und 2014, je passend zum Gastland der Buchmesse, bearbeitete Spreckelsen Sagen aus Finnland und Island; schon damals zusammen mit der Illustratorin Kat Menschik. In 20 ganzseitigen, prächtigen Jugendstilbildern greift sie typisch georgische und persische Ornamente auf: Weinranken, Schleier, Stickereien. Leider ist Menschiks Stil so idiosynkratisch-immergleich, dass man vor allem Menschik sieht - nicht Georgien.

Toll dagegen: Dass Frömmelei und Hass auf Andersgläubige hier keine Rolle spielen. Und, dass Spreckelsen bei Sätzen, die in Georgien zu Sinnsprüchen und geflügelten Worten wurden, oft zwei Übersetzungen anbietet: "Der Mond ist nichts ohne die Sonne, die ihn mit ihrem Licht zum Leuchten bringt, und der Mensch ist nichts ohne einen Freund" steht im Prosatext. Der Aphorismus "Ohne Sonne verdorrt die Rose, und ihre Farben schwinden" gleichwertig am Rand.

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Tilman Spreckelsen (Text), Kat Menschik (Illustrationen):
Der Held im Pardelfell

Eine georgische Sage von Schota Rustaweli

Galiani Berlin; 208 Seiten; 25 Euro


Kurban Said: Ali und Nino

Coverdetail von "Ali und Nino"

Coverdetail von "Ali und Nino"

Ein stolzer Muslim aus bestem Haus - verliebt in eine georgische Prinzessin kurz vor dem Schulabschluss und dem Ersten Weltkrieg. Ali und Nino sind Teenager in Baku. Ein Ölboom stößt Aserbaidschan - heute Georgiens Nachbarstaat im Osten, doch bis 1918 Teil des russischen Reiches - Richtung Aufklärung, Moderne. Eine Verfilmung von 2016 setzt auf Prunk, Landschaft, Psychologie. Die Buchvorlage aber taugt kaum als Liebesroman. Es geht um Soziotope, Zeitenwandel, Mentalitätsgeschichte, Geopolitik, Justiz und Frauenbilder.

"Kurban Said" ist ein Pseudonym von Lew Nussimbaum (1905 geboren in Baku, zum Islam konvertiert) oder dem Politiker Yusuf Çmnzminli. Auch die Wiener Verlegerin Elfriede Ehrenfels könnte Co-Autorin des Longsellers sein, der 1937 erschien und vermutlich auf Deutsch verfasst wurde. Das Rätsel um die Autorschaft fällt ins Gewicht, weil unklar bleibt, was wir hier lesen: einen Muslim, der Ehre, Sexualmoral hinterfragt? Oder eine Projektion - kolonialistisch und, im Sexismus, rassistisch? Zum Glück ist "Ali und Nino" kein Buch darüber, wie "die Georgierin", "alle Iraner", "der Muslim" sind. Sondern, wie sich Dörfer, Kulturen, Regionen im Kaukasus abgrenzen, mythologisieren, einander erzählen. Alle sind Minderheiten - und klammern sich an Herkunft, Chauvinismus, Biologismen, lokale Unterschiede.

Ein pointierter, übervoller Schmöker, der mit jedem Satz überraschen will. Und eine Liebeserklärung an eine Weltregion: ihre Texturen, Gerüche, Ängste, Zwänge und Widersprüche.

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Kurban Said:
Ali und Nino

Roman

Ullstein Taschenbuch; 384 Seiten; 12 Euro


Awtandil Kwaskhwadse: Das Spiel des Todesengels. Georgien unter Stalin

Awtandil Kwaskhwadse
privat

Awtandil Kwaskhwadse

Ein Lehrer (1905-1989), der nur durch Zufall der Erschießung durch Stalins Geheimpolizei entkam, schreibt von 1971 bis 1977 ein geheimes, monumentales Werk. Ein Lehrstück (schwer, dunkel, faktensatt) über das Denken, Sprechen, Lieben und Sich-Schuldig-Machen in mehr als 30 Jahren, in denen Stalin und sein Handlanger Lawrenti Beria jedes Zögern als Hochverrat bestrafen. Psychosen, Massenmord, Gulags: eine gnadenlos entmenschlichte neue Ordnung.

1918 wurde Georgien zur demokratischen Republik. Schon 1922 flüchtete die Regierung übers schwarze Meer nach Paris: Das Land wurde Sowjetrepublik und Stalins Geheimpolizei, die Tscheka, übernahm die Macht. Dörfer brannten nieder. Minderheiten und Intellektuelle wurden erschossen. Je weniger man sonst weiß zu Stalin und dem weiteren Plot des Buchs, desto erschütternder wird die Lektüre. Leider sind die ersten zwei, drei Stunden Lesezeit ein Debakel: Ortsnamen ohne jeden Kontext! Wer ist die Hauptfigur? Statt eines griffigen Vergleichs, relevanten Details türmt Kwaskhwadse stets fünf, sechs Fakten, Bilder, Namen. Ein Filterverlust und hysterischer Realismus, der besonders bei Gewaltexzessen und Folter schrillt wie Jonathan Littels Massenmord-Operette "Die Wohlgesinnten".

Wer seit der tieftraurigen KGB-Serie "The Americans" überlegt, wie Geheimdienstler und ihre Angehörigen die eigene Paranoia bewältigen, steht hier vor einer hässlichen, aber klugen Antwort: gar nicht. Gibt es deutsche Romane, die in dieser Härte so luzid mit dem System der Nazis abrechnen?

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Awtandil Kwaskhwadse:
Das Spiel des Todesengels. Georgien unter Stalin

Ein dokumentarischer Roman

Aus dem Georgischen von Heinz Fähnrich

Reichert Verlag; 568 Seiten; 19,90 Euro


Giwi Margwelaschwili im Gespräch mit Jörg Sundermeier: Bedeutungswelten

 Giwi Margwelaschwili
Alexander Janetzko

Giwi Margwelaschwili

"Erinnerung, sprich", Vladimir Nabokovs Autobiografie, folgt dem versnobten russischen Bürgertum von 1899 bis ins Berlin der Emigration und den Zweiten Weltkrieg - und zeigt, wie sich Künstler und Kunst nach 1945 neu erfinden mussten; besonders im Exil. Giwi Margwelaschwili, geboren 1927 in Berlin, stammt aus der nachfolgenden Generation und schlägt den Bogen weiter bis zur Gegenwart. Heute ist er 91 und lebt, nach Jahren als deutscher Schriftsteller in Berlin, wieder in Tbilisi.

Ein viertägiges, nüchternes Interview mit Verleger Jörg Sundermeier misst die Abgründe, Brüche, totalitären Klammern, gegen die Margwelaschwili bis heute anschreibt: in bitter-albernen Romanen und als erzähltheoretischer Philosoph in Georgien - wo er ab 1945 leben musste, vom KGB verschleppt, obwohl er kein Georgisch sprach, den Staat nie kannte. Sein Vater floh 1921 vor der Roten Armee nach Berlin. Ende 1945 wurden Vater und Sohn von Russen in Sachsenhausen interniert. Der Vater wurde erschossen. Der Sohn begann zweimal neu - als Deutscher im sozialistischen Nachkriegsgeorgien und ab 1989 als Georgier zurück im deutschen Kulturbetrieb und in Berlin. Die kurzen Romanauszüge wirken überspannt, verklausuliert. Das Interview aber? Pragmatisch, eindringlich. Weise!

Ein Erinnerungsbuch ohne Eitelkeiten, das greifbar macht, für wie viele Georgier Begriffe wie "Heimat", "Karriere", "Staatsdienst" mit jedem Regimewechsel absurder wurden. Und, wie Sprache Verfolgten, Staatenlosen, Emigranten Anker sein kann - und Fessel.

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Giwi Margwelaschwili im Gespräch mit Jörg Sundermeier:
Bedeutungswelten

Verbrecher Verlag; 160 Seiten; 15 Euro


Lasha Bugadze: Der erste Russe

Lasha Bugadze
Laura J Gerlach

Lasha Bugadze

"Ein kleines Land, das simuliert, eine ernst zu nehmende Nation und ein ernst zu nehmendes Land zu sein": Lasha Bugadze liebt sarkastische, oft viel zu lange Nestbeschmutzer- und Schwerenöter-Romane über die Absurditäten der georgischen Polit-, Medien- und Literaturblase. 2002, mit 23, schrieb er eine Satire über den ersten Ehemann von Königin Tamar: Was, wenn der ungehobelte Russe in der Hochzeitsnacht vor Augen der 13-Jährigen eine Henne rammelte - und deshalb vertrieben wurde?

Im Januar 2003 droht der orthodoxe Patriarch Bugadze mit einem Kirchenausschluss. Was als Plauder- und Schmunzelbuch à la Wladimir Kaminer beginnt, wird schnell zum hässlichen Duell um Kunstfreiheit, politischen Opportunismus und zahllose perfide Männer über 50, die ein paar trottelige Männer Anfang 20 einschüchtern. In "South Park" starten Moraldebatten oft auf überraschend hohem Niveau - bis jemand furzt. Im selben Stil nimmt sich "Der erste Russe" absurde 577 Seiten Zeit, um die armseligen, läppischen Details aller Kontrahenten zu beschreiben. Eine Kirche, die Geländewagen segnet. Politiker, die Populismus, peinlichste Heimattümelei nutzen. Eine "junge Elite", die nicht ausziehen kann, Frauen wie Dreck behandelt - und "Mama: Mach uns mal Tee!" Richtung Küche plärrt.

Geplapper, Dürftigkeit, Banalität: eine oft unerträgliche, verlaberte Abrechnung. Die funktioniert, weil sie nie tut, als sei sie schnittig, smooth, seriös. "Witzig" sind die Repressionen und dilettantischen Kirchen-Zwischenrufe nur auf den ersten, flüchtigsten Blick.

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Lasha Bugadze:
Der erste Russe

Roman

Aus dem Georgischen von Rachel Gratzfeld und Sybilla Heinze

Frankfurter Verlagsanstalt; 577 Seiten; 26 Euro


Natela Grigalashvili, Anka Gujabidze, Daro Sulakauri: Wartezimmer zum Glück. Drei ungewohnte Blicke auf Georgien

Fotostrecke

7  Bilder
Georgien-Fotoband: Blicke ins "Wartezimmer zum Glück"

"Zwar werden in der Hauptstadt Start-ups gegründet, aber im Inneren des Landes müssen sich Bergarbeiter auf der Suche nach Mangan höchsten Lebensgefahren aussetzen. Auf dem Land werden Minderjährige in arrangierte Ehen gezwungen. Während das kulturelle Leben in Tbilisi blüht, warten die Bewohner krisengeschüttelter Grenzregionen seit mehr als zehn Jahren auf einen Frieden."

Ein kluges, doch zu vages, kurzes Vorwort. Danach sind wir allein mit wuchtigen, intimen Dokumentarfotos - teils in Schwarz-Weiß und aus den Neunzigerjahren; das Gros von heute, bunt. Die wenigsten mit erklärendem Text. Eine junge Braut, ein Bräutigam, ein Schaf in einer Blutlache im Kies. Wem gehört die Hand mit dem tropfenden Dolch? Wofür steht das Ritual? Schlafzimmer, Scheunen, Trachten. Flüchtlingslager. Muslimische Minderheiten in Bergdörfern. Schlaglöcher, Rost und Kittelschürzen. Unvergesslich: Der Alltag von Bianka, einer Transfrau. "Die Fotos entstanden 2015. Im Februar 2016 wurde Bianka tot in ihrer Wohnung aufgefunden. Die offizielle Todesursache ist eine undichte Gasleitung." Was muss, kann ein Bildband leisten? Geht es um Kunst, Leerstellen, Zweideutigkeit - oder um Journalismus, der Wirklichkeit erklärt: möglichst unmissverständlich?

Alle drei Fotografinnen haben öffentliche Instagram-Accounts. Dort haben die oft selben Fotos Erläuterungen. Eine Empfehlung für mehr Kontext: der englische Gratis-Reader "Georgian Narratives" der Frauenrechtsorganisation TASO. Oral-History-Protokolle, Selbstzeugnisse georgischer Frauen seit dem Ersten Weltkrieg.

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Natela Grigalashvili, Anka Gujabidze, Daro Sulakauri:
Wartezimmer zum Glück. Drei ungewohnte Blicke auf Georgien

Mit einem Vorwort und Bildtexten von Friederike Hofert

Mitteldeutscher Verlag; 160 Seiten; 25 Euro


Archil Kikodze: Der Südelefant

Archil Kikodze
Nata Sopromadze

Archil Kikodze

Große Ich-Erzähler klingen oft so markant, dass Plotdetails zweitrangig bleiben: Man hört gern zu. Frech bis traurig aber, wie vorschnell Kikodzes Erfolgsroman von 2017 mit James Joyces "Ulysses" verglichen wird. Beide Texte folgen einem Mann für einen Tag durch seine Stadt. Nur wird im "Südelefant" weit gestrig-konventioneller flaniert und assoziiert als im Klassiker von 1922. Klingt das georgische Original so lauwarm, gediegen wie die deutsche Übersetzung? Warum geht dem Buch die Puste aus?

Wer Tbilisi mag, weiß das Lokalkolorit, die Atmosphäre des Wintertages zu schätzen. Auch die überraschend überlange Sequenz, in der statt Cafés und Jugendstilbalkonen plötzlich die Israel-Urlaubsfotos des neuen Freunds der großen Liebe zwang- und boshaft in immer gehässigeren Details beschrieben und psychologisch zerpflückt werden, macht Spaß. Rasch aber werden Erzähler und Roman träger, beliebiger - bis gegen Ende klar wird, dass der Werbetexter, Ex-Regisseur, Vater, Spaziergänger nicht einfach schlapp, melancholisch ist. Sondern traumatisiert. Doch statt Verlust, Schuld und Verdrängung auszuloten, folgt ein drollig-bittersüßes "Die Nachbarschaft hält zusammen"-Finale wie in Paul Austers gefälligstem Brooklyn-Kitsch.

Ein souveräner, gefühliger Text. Der große Themen anschneidet - und dann links liegen lässt. Geht es um Ausweichmanöver eines alternden Manns? Ist der Roman selbst Ausweichmanöver? Ein sanftes, scheues Buch für seufzende Herren - und alle, die es werden wollen.

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Archil Kikodze:
Der Südelefant

Roman

Aus dem Georgischen von Nino Haratischwili und Martin Büttner

Ullstein; 272 Seiten; 22 Euro


Tamar Tandaschwili: Löwenzahnwirbelsturm in Orange

Tamar Tandaschwili
Ira Kurmaeva/ Nino Isakadze/ CloudStudio

Tamar Tandaschwili

Psychologin, Gewalt- und Traumaexpertin, Aktivistin für Frauenrechte und sexuelle Vielfalt: Tamar Tandaschwili schrieb mit Mitte 30, neben der Doktorarbeit, zum ersten Mal literarisch - zum Ausgleich und privat. Seitdem erschienen zwei Romane. Viele georgische Autoren holen weiter aus als nötig. Dieses Debüt ist so verknappt, episodisch, pointiert, dass die Lektüre keine zwei Stunden kostet. Feiner Witz. Größte Bandbreite - in Ton und Themen. Bilder, die bleiben. Doch warum diese Hast?

Eka ist Psychologin, Lesbe in einer glücklichen Beziehung, kümmert sich um einen verletzten Hund und fantasiert, seit sie mit zehn Kindergrabsteine auf dem Friedhof im Were-Viertel sah, welche toten Kinder sich kannten. Mserosa stammt aus der Oberschicht, vergewaltigt Ende der Neunzigerjahre eine lesbische Konkurrentin und kann mit Deckung der Kirche bis ins Parlament aufsteigen. Sprechende Bäume. Traumsequenzen und Geister. Eine queere, vegetarische Utopie der Zwanzigerjahre des 21. Jahrhunderts und die Überflutung des Zoos von Tbilisi 2015, durch die sich Wildtiere in die Stadt flüchteten. Wer einen Blick auf aktuellere feministische Literatur warf, gähnt ein deutscher Kritiker, kann "den holzschnittartigen Figuren, krassen Entgegensetzungen und verträumten Bildern nicht viel Neues entnehmen".

Ich widerspreche. In einem Staat, in dem schon vegane Cafés so provokant gelten, dass sie mit Wurst beworfen werden, wirkt eine halbe Seite Prosa darüber, dass Gangster oft Karriere in der orthodoxen Kirche machen, riskanter, unerhörter. Doch auch bei uns sind Romane, die kluge Frauen so souverän und poetisch gegen Ewiggestrige setzen, eine Provokation. Und ein Gewinn.

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Tamar Tandaschwili:
Löwenzahnwirbelsturm in Orange

Roman

Aus dem Georgischen von Natia Mikeladse-Bachsoliani

Residenz; 136 Seiten; 18 Euro


Ich bin viele. Frauenstimmen aus Georgien

Mit-Herausgeberin Irma Schiolaschwili
Pop Verlag

Mit-Herausgeberin Irma Schiolaschwili

"Wir sind als Mädchen geboren. Das wollten wir nicht, aber wir waren auch nicht dagegen, weil wir keine Ahnung hatten." Lieben georgische Gedichte das "Ich"? Und wird solche "Ich-Lyrik" autobiografisch gelesen - oder auch als Spiel mit Rollen, Alter Egos, Zuschreibungen? Auf unter 100 Seiten rufen zwölf Lyrikerinnen zwischen Anfang 30 und Anfang 60 115 Mal "ich", 30 Mal "Liebe", 16 Mal "Herz", 32 Mal "Mädchen", 35 Mal "Mutter", achtmal "Brust". Fast alles klingt nach Poetry-Slam und Tagebuch: privat, klar, dringlich, schlicht.

Eine literarische Tradition? Oder Eigenart der "Nachdichterin" Sabine Schiffner? Auf Deutsch, erklärt Lyriker Norbert Hummelt, dominieren "sinngemäße Wort-für-Wort-Wiedergaben, die von georgischen Übersetzern angefertigt werden. Mit diesen Vorlagen arbeiten deutschsprachige Lyriker und entwerfen aus ihrem eigenen Sprachgefühl, wie dieser oder jener georgische Dichter auf Deutsch klingen könnte." Ist Schiffner, die auch im Größenwahn-Verlag den Band "Georgiens Herz" (33 Dichterinnen und Dichterinnen, 160 Seiten) nachdichtete, verantwortlich, dass alle Texte Wucht, Rhythmus haben - doch kaum Vokabular, komplexer als "Herz" und "Schmerz"?

Das ist keine rhetorische Frage. Aktuelle US-Lyrik nimmt Lesbarkeit, klare Ich-Positionierungen oft wichtiger als Sprachexperimente. "Es ist wohl schon so", schreibt Schiffner im Nachwort, "dass diese Dichterinnen das Genderthema deshalb so oft und intensiv aufgreifen, weil in ihrem Land noch viel weniger als hierzulande eine Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau herrscht. Umso erstaunlicher ist es, wie offenherzig und schonungslos da gedichtet wird, das eigene Ich wird manchmal nackt ausgestellt und ein Blatt selten vor den Mund genommen." Das macht die Stimmen hörens-, lesenswert. Dennoch klingen sie auf Deutsch verdächtig gleich. Verdächtig schlicht.

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Herausgegeben von Manana Tandaschwili und Irma Schiolaschwili:
Ich bin viele. Frauenstimmen aus Georgien

Lyrik-Anthologie

Aus dem Georgischen von Irma Schiolaschwili, nachgedichtet von Sabine Schiffner

Pop Verlag; 104 Seiten; 16,50 Euro



insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
nadine-faerber 10.10.2018
1. Jetzt kann man sich schon als Experte aufführen,
wenn einmal im Rahmen einer Buchmessen - Deligation in das Land geladen wurde, Wikipedia-Wissen referieren kann und ein paar Bücher gelesen hat. Ich habe es mir eine Zeitlang angetan, den Twitter-Acount des Artikelschreiber zu verfolgen - Zur Nachahmung ausdrücklich NICHT empfohlen! - und weiß daher, wovon ich schreibe.
nadine-faerber 10.10.2018
2. Nachweis
Mesch auf Twitter: *SIE sind der große Kenner des Kaukasus', Ralph Helbig. ich hatte EINE Pressereise, seitdem eine Handvoll Begegnungen/Lesungen/Kontakte und drei Wochen Zeit, um ca. 15 Bücher zu lesen. :-) aber: vielen Dank! Georgien & die Literatur dort bleiben in meinem Leben, auf jeden Fall.* Einen Screenshot habe ich für den fall, dass der Tweet gelöscht wird. Also ich war schon in den USA und habe Bücher von dort gelesen. Wikipedia weiß ich auch zu bedienen. Darf ich auch einen Artikel schreiben und mich *USA-Expertin* nennen*?
troy_mcclure 10.10.2018
3.
Zitat von nadine-faerberMesch auf Twitter: *SIE sind der große Kenner des Kaukasus', Ralph Helbig. ich hatte EINE Pressereise, seitdem eine Handvoll Begegnungen/Lesungen/Kontakte und drei Wochen Zeit, um ca. 15 Bücher zu lesen. :-) aber: vielen Dank! Georgien & die Literatur dort bleiben in meinem Leben, auf jeden Fall.* Einen Screenshot habe ich für den fall, dass der Tweet gelöscht wird. Also ich war schon in den USA und habe Bücher von dort gelesen. Wikipedia weiß ich auch zu bedienen. Darf ich auch einen Artikel schreiben und mich *USA-Expertin* nennen*?
Was wollen Sie mi Ihrem Beitrag sagen, ich kann Ihnen leider nicht folgen.
nadine-faerber 10.10.2018
4.
Dass ich mich frage, wie jemand beurteilen möchte, wie wirklichkeitsgetreu ein Roman ist, wenn er nur einmal im Rahmen einer Pressereise im Land war. Und dass es nicht gerade von Kenntnis georgischer Literatur zeugt, in drei Wochen (= 21 Tage) 15 Bücher gelesen zu haben. Und dass ich mich frage, was das für ein *Lesen* war, wenn ich z.B. für einen recht einfach geschriebenen Charlotte Link - Roman schon zwei Tage benötige.
own_brain_user 10.10.2018
5. @nadine faerber
Richtig. Alleine für den "Todesengel" von Kvaskhvadze habe ich im Urlaub drei Wochen gebraucht, und von Margvelashvili habe ich ein anderes Buch zu lesen versucht - da beißt man sich die Zähne aus. Alleine vom Pensum her ist die Liste nicht zu schaffen, und auch für mich, der seit Mitte der Nuller Jahre beruflich mit Georgien zu tun hat, das Land seit dreißig Jahren kennt und auch noch Familie dort hat, ist so ein Buch wie der "Todesengel" mit der letzten Seite noch lange nicht zu Ende. Solche Lektüre muss man erst einmal verarbeiten. Vielleicht entfällt das ja, wenn man nicht von Vorkenntnissen belastet ist... Aber Querlesen und eine geführte Reise ohne eigenes Erleben reichen definitiv nicht aus, um ernstgenommen zu werden. Da bin ich übrigens ebenso sensibel, wenn es um Länder geht, die ich nicht so gut oder gar nicht kenne. Eingestreute Wörter aus der Landessprache und ähnliche Gimmicks lassen mich sofort die landeskundlichen Qualitäten hinter einem Text infragestellen. Beste Grüße aus Tbilissi - leider kann ich in Frankfurt nicht dabeisein.
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