Zuhälter-"Tatort" Wien, aufgeknöpft bis zum Bauchnabel

Der alte Rotlicht-Adel verteidigt sein Revier - mit Kippen, Goldketten und Getrickse. Der österreichische "Tatort" ist ein schmieriger Oldschool-Krimi, der bei aller Wiener Puff-Folklore wahre Momente hat.

ARD Degeto/ ORF/ Hubert Mican

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Gerade erst ist er auf E-Zigaretten umgestiegen. Die Ehefrau hat gedrängt, sei halt weniger schädlich. Gebracht hat es nichts, denn jetzt liegt der junge Mafia-Handlanger tot im Straßenstaub. Im Nirgendwo an der ungarischen Grenze wurden ihm Einnahmen aus verschiedenen Bordellen abgenommen, er selbst wurde erschossen. Die Schläger im Umfeld des gesundheitsbewussten, früh verstorbenen Gangsters saugen indes allesamt weiter genüsslich an ihren Tabakstumpen.

Der neue österreichische "Tatort" ist eine hemmungslose Feier des Wiener Rotlicht-Milieus: Kaum eine Szene, die nicht mit einer rituell entfachten Oldschool-Zigarette beginnt; die bunten Hemden der Strizzis sind bis zum Bauchnabel aufgeknöpft, frei liegen dort dann Goldketten auf befellter Brust, das Haupthaar wird pomadig aufgetürmt oder vorne kurz und hinten lang getragen. Ein Krimi über den alten Prater-Adel.

Im Machtzentrum steht der "Dokta" (Erwin Steinhauer), ein Pate traditionellen Zuschnitts, der über beste Verbindungen zu Politik und Polizeiapparat verfügt. Nun glaubt er sich von seinen Chargen hintergangen, eine Beleidigung für den Ehrenmann.

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Österreich-"Tatort": Wiener Brut

Über die Bedeutung des "Dokta" tauscht sich Kommissar Eisner (Harald Krassnitzer) mit seinem Chef Rauter (Hubert Kramar) auf dem Dach des Kommissariats aus, natürlich bei einer Zigarette. Der Chef hochachtungsvoll: "Er ist ein alteingesessener Unterweltkönig, der 'Dokta'. Ein Strizzi vom alten Schlag. Oberes Management!" Eisner genervt: "Wenn du das sagst, klingt es wie ein Kompliment." Der Chef schwärmerisch: "Naja, mit dem 'Dokta' hat man noch reden können, der hat kapiert, dass die Exekutive zwar sein natürlicher Feind ist, aber man sich ruhig auf einen Kompromiss einigen kann."

Schmierentheater auf höchstem Niveau

Früher war halt irgendwie alles sauberer und ehrlicher, selbst das dreckige und ausbeuterische Geschäft mit dem Sex. Man fühlt sich an Dominik Grafs legendäres Luden-Porträt "Hotte im Paradies" erinnert, den Abgesang auf den alten Westberliner Sexbetrieb, in dem ehrenwerte Bordellbetreiber vor dem Hintergrund sich verschiebender Machtverhältnisse von den schönen alten Zeiten schwärmen, als alles seine Ordnung hatte. Den "Tatort"-Machern gelingt es nun, diese Weltsicht ironisch über ihre Rotlichtballade zu stülpen, ohne dass das zynisch wirkt.

"Her mit der Marie!" (Drehbuch: Stefan Hafner und Thomas Weingartner) ist Schmierentheater auf höchstem Niveau, die Dialoge sind trocken, die Bilder süffig, aber nicht voyeuristisch. Es gibt hier jene raffinierten Brechungen, die man aktuell gerade beim ungeölten Gangstertheater von "4 Blocks" vermisst.

Jeder lügt in diesem "Tatort" jeden an, und die Kamera folgt den Tricksern bei ihren Tricksereien durch die Puffs und Kaschemmen um den Prater, die tatsächlich schon mal bessere Zeiten gesehen haben. Die Handlung treibt zuweilen in Splitscreens voran, wie man sie aus alten Großstadthrillern von Sidney Lumet oder John Frankenheimer kennt. Schwüler bis überhitzter Soulrock (Musik: Stefan Bernheimer) gibt das Tempo vor.

Regisseurin Barbara Eder - sie hat zuvor den überkandidelten Seuchen-"Tatort" gedreht - legt einen feschen Retro-Krimi vor, in dem die Galgenvögel zuweilen ernster genommen werden, als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Alle träumen von einem besseren Leben - mittendrin der legendäre Inkasso-Heinzi (Simon Schwarz), der schwule Ex-Lude, von dem sich die einst bei der Sitte angestellte Kommissarin Fellner (Adele Neuhauser) früher immer den flammenwerfenden Pontiac ausgeliehen hat.

Bei ihrer ersten Begegnung während des neuen Falls schwört Heinzi noch, dass er der Kriminalität abgeschworen hat: "Vor dir sitzt der Heinzi 3000!" Doch bald wird klar, dass er aus romantischen Gründen einen etwas zu großen Coup geplant hat. Eine wunderbare Wendung: Im forciert heterosexuellen Mafia-Tableau tut sich eine schwule Liebesgeschichte auf.

Bewertung: 8 von 10

"Tatort: Her mit der Marie!", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 23 Beiträge
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sonntagsberg 12.10.2018
1. Kommissare
gibt's keine in Österreich. Bibi ist Major, der Eisner Oberstleutnant und der Rauter Oberst. Nur ermitteln tun diese Dienstgrade halt alle nicht in der wirklichen Wirklichkeit, sondern sind Führungsoffiziere. Die Arbeit machen die diversen Inspektoren (Gruppeninspektor, Abteilungsinspektor, Bezirksinspektor, etc.). Der klassische "Hea Inschpekta" halt.
newline 14.10.2018
2. Wird Dialekt gesprochen?
Dies würde sich bei dem Lokalkolorit anbieten, vielleicht Untertitel? Wobei beim Tatort auch bei Hochdeutsch hin und wieder Untertitel sinnvoll wären, wegen schlechter Tonqualität, siehe (und höre) Weimar.
inmado 14.10.2018
3. 1 von 10 Punkten
Jeder der Deutsch spricht, versteht Hochdeutsch. Dialekt versteht nicht jeder. Filme in Dialekt können gern auf vielleicht B3 oder 3SAT gezeigt werden. Der Tatort ist aber kein regionales Format. Unmöglich, einen Tatort zu senden, bei dem man die Hälfte nicht versteht!
Ekkehard Grube 14.10.2018
4. Habe ich da einen Namensvetter? Dieser Beitrag ist nicht von mir!
Meinen eigenen Beitrag werde ich in Kürze posten. Der Autor dieses Postings hat meinen Namen mißbraucht.
Ekkehard Grube 14.10.2018
5. Ekkehard Grube (der echte): Nix versteh!
Zu viel österreichischer Dialekt, zu viel österreichischer Lokalkolorit. Nix für Piefkes. Wer hat denn nun den Toten vom Anfang des Films auf dem Gewissen? "Inkasso Heinz" oder "Pico Bello"? Was sollte das am Schluss mit dem "Geständnis aus dem Jenseits"? Ich hatte erst gedacht, Pico wäre doch noch gerettet worden und hätte gestanden. Und vor allem: Was sollte der Titel? Wer war die Marie, die wieder her sollte? Die Marija Gavric, die kurz vor Schluss den Pico erschießt, kann ja nicht gemeint gewesen sein. Wer also war die "Marie"? In meinen Augen einer der wirrsten Tatorte überhaupt. Oder liegt's an mir? Bin ich der einzige Depperte (oder auf Österreichisch: "Angerennte"), der hier nix schnallt? Aufklärung von anderen Foristen gerne gesehen!
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