#MeToo an Schulen "Es gibt noch zu viele Lehrkräfte, die sich wegducken"

Sexuelle Gewalt erfahren Kinder bereits in der Schule, wie Studien zeigen. Wie sollten Lehrkräfte damit umgehen - und wie auf keinen Fall?

Teenager (Symbolbild)
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Es ist ein heikles Thema, auch an Schulen: sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen. Jahrelang wurden Schulen mit dem Problem weitgehend allein gelassen. Einige wollen sich bis heute am liebsten gar nicht damit auseinandersetzen - weil es Abscheu auslöst oder sich Lehrkräfte überfordert fühlen.

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Immerhin bewegt sich etwas. Johannes-Wilhelm Rörig, der Unabhängige Beauftragte des Bundes für Fragen zu sexuellem Kindesmissbrauch, hat im Herbst die bundesweite Initiative "Schulen gegen sexuelle Gewalt" gestartet. Damit sind Schulen ausdrücklich aufgefordert, sich dem Thema zu widmen und betroffenen Kindern und Jugendlichen zu helfen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Rörig, woran können Lehrkräfte erkennen, dass Kinder und Jugendliche von sexueller Gewalt betroffen sind?

Johannes-Wilhelm Rörig: Die Schüler sacken oft in der Leistung ab und verändern ihr Verhalten. Ein Kind, das vorher kommunikativ war, zieht sich vielleicht plötzlich zurück oder verhält sich aggressiv. In solchen Fällen muss nicht etwa der Physiklehrer zum Spezialisten für Fälle von sexueller Gewalt werden. Aber er sollte das Gespräch mit Kollegen suchen und mit ihnen beraten: Was ist da los? Wichtig ist, dass Erwachsene deutlich zeigen, dass sie sich für Sorgen der Schüler interessieren, dass sie auch bei unangenehmen Themen ein offenes Ohr haben.

SPIEGEL ONLINE: Viele Lehrkräfte sagen, dass ihnen ohnehin schon Kapazitäten fehlen, um sich um all ihre Schüler kümmern zu können.

Rörig: Niemand erwartet, dass die einzelne Lehrkraft sich allein zuständig fühlt. Es geht darum, für betroffene Kinder und Jugendliche professionelle Ansprechpartner zu organisieren, sei es von Beratungsstellen oder auch Schulpsychologen. Im Idealfall hat eine Schule bereits einen Notfallplan entwickelt und alle Lehrkräfte so geschult, dass sie wissen, was zu tun ist und wo sie Unterstützung bekommen.

ZUR PERSON
  • DPA
    Johannes-Wilhelm Rörig ist Unabhängiger Beauftragter der Bundesregierung für Fragen zu sexuellem Kindesmissbrauch. Er hat im Herbst eine bundesweite Initiative gestartet: "Gegen sexuelle Gewalt an Schulen" - damit bekommen Schulen konkrete Empfehlungen zum Umgang mit dem Thema.

SPIEGEL ONLINE: Was kann der erste Schritt sein?

Rörig: Lehrkräfte sollten Schüler, die sich ihnen anvertrauen, in jedem Fall ernst nehmen und ihnen zuhören. Sie dürfen nachfragen, aber natürlich nicht suggestiv, und können das Gesagte notieren. Wie das am besten geht, lernen sie in Fortbildungen. Lehrkräfte müssen Vorfälle nicht sofort bei der Polizei zur Anzeige bringen, weil das dem Kindeswohl entgegenstehen kann. Lehrkräfte sollten sich in Rückkopplung mit der Schulleitung von Fachleuten, etwa Schulpsychologen, Mitarbeitern des Jugendamtes oder von Beratungsstellen für Betroffene von sexuellem Missbrauch beraten lassen, wie im konkreten Fall weiter vorzugehen ist.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es Kardinalfehler?

Rörig: Wenn Lehrkräfte erfahren, dass es einen sexuellen Übergriff gegeben haben soll, sollten sie auf keinen Fall direkt den mutmaßlichen Täter damit konfrontieren. Der könnte sonst sofort eine Verteidigungsstrategie starten und Druck gegenüber dem Kind oder Jugendlichen aufbauen.

SPIEGEL ONLINE: Nach der #MeToo-Debatte haben einige männliche Lehrkräfte Sorge, sie könnten selbst schnell unter falschen Verdacht geraten.

Rörig: Ja, einige Lehrkräfte glauben, sie dürften mit einem Schüler nur noch bei geöffneter Tür allein in einem Raum sein und auch keinerlei Körperkontakt mehr zu Kindern haben. Das ist Unfug. Wenn sich ein Kind einem Lehrer anvertrauen möchte, muss das unter vier Augen möglich sein. Und wenn ein Grundschulkind weint und getröstet werden muss, darf eine Lehrkraft es in den Arm nehmen.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann sichergestellt werden, dass Kinder und Erwachsene einschätzen können, wie viel professionelle Nähe in Ordnung ist?

Rörig: Jede Schule muss klarmachen, wo Grenzen überschritten werden und wie sich Lehrkräfte zu verhalten haben. Zum Beispiel: Ein Musiklehrer berührt versehentlich die Brust einer Schülerin, als er ihr einen Griff an der Geige zeigt. Dann muss er sich bei ihr entschuldigen und den Vorfall einer vorher festgelegten Vertrauensperson kurz mitteilen. Das schafft Transparenz und Sicherheit. Im Idealfall hat ein Kollegium gemeinsam alltagstaugliche Regelungen für solche Situationen erstellt, die für sexuelle Gewalt leicht ausgenutzt werden könnten, zum Beispiel Umkleidesituationen, private Kontakte zu Schülern, Umgang mit Fotos oder Kontakten in sozialen Netzwerken.

SPIEGEL ONLINE: Wie sollten Schulen sich aufstellen, um sexuelle Gewalt zu verhindern?

Rörig: Für mich ist das Wichtigste, dass an jeder Schule ein Klima herrscht, in dem klar ist: Sexuelle Übergriffe gleich welcher Art sind ein No-Go. Lehrkräfte, im Idealfall das ganze Kollegium, müssen Haltung zeigen und frühzeitig eingreifen. Wenn Lehrkräfte zum Beispiel mitbekommen, dass Schüler andere sexistisch beschimpfen, sollten sie vor der Klasse sagen: So etwas lehne ich ab, das wird an unserer Schule nicht geduldet. Es gibt noch zu viele Lehrkräfte, die sich stattdessen wegducken, verstecken oder Vorfälle ignorieren, weil es ihnen peinlich ist, oder weil sie denken, das gehört nicht zu meinen Aufgaben oder richtet keinen Schaden an. Aber sexuelle Gewalt fängt oft mit verbalen Übergriffen an und darf kein Tabu-Thema mehr sein.

Zahlen
Wie groß ist das Ausmaß des Problems?
Fachleute gehen von hohen Dunkelziffern aus. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass in jeder Schulklasse in Deutschland ein bis zwei Kinder von sexuellem Missbrauch betroffen sind. Die Täter: Mitglieder aus der eigenen Familie, Nachbarn, Trainer, Lehrkräfte, aber auch andere Jugendliche, Gleichaltrige. Für eine Studie des Deutschen Jugendinstituts (DJI) von 2017 wurden rund 4300 Neuntklässler befragt. Das Ergebnis: 16 Prozent der befragten Mädchen und fünf Prozent der Jungen berichteten, dass sie mindestens einmal sexuelle Gewalt mit Körperkontakt erlebt haben: Jemand hatte sie etwa sexuell bedrängt, gegen den Willen geküsst, an den Geschlechtsteilen berührt oder zu sexuellen Handlungen gezwungen. Als Täter wurden überwiegend Mitschüler genannt, in seltenen Fällen Mitglieder des Schulpersonals. Übergriffe fanden außerhalb, aber auch innerhalb der Schule statt: im Klassenzimmer, in der Umkleide, auf dem Pausenhof.

SPIEGEL ONLINE: Sexuelle Gewalt findet nicht unbedingt auf dem Schulgelände statt, sondern oft in sozialen Medien.

Rörig: Ich wünsche mir deshalb von der ersten Klasse an ein Schulfach "digitale Medien". Da müssen Kinder und Jugendliche dringend über Verhaltensregeln und Risiken aufgeklärt werden. Leider gibt es das noch nicht, aber Lehrkräfte sollten trotzdem eingreifen, wenn sich Fälle von sexueller Gewalt über WhatsApp, Instagram oder andere digitale Medien anbahnen und sie sollten wissen, was zu tun ist, wenn Übergriffe bereits erfolgt sind.

SPIEGEL ONLINE: Es ist nicht sicher, dass Lehrkräfte überhaupt davon erfahren.

Rörig: Studien zeigen, dass sich Schüler, die sexuelle Gewalt erlebt oder beobachtet haben, Lehrkräften eher anvertrauen, wenn sich ihre Schule bereits mit dem Thema auseinandergesetzt hat, wenn etwa Lehrkräfte Fortbildungen besucht haben. Auch deshalb ist das so wichtig.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Initiative "Schulen gegen sexuelle Gewalt" fordert zwar alle Schulen in Deutschland dazu auf, das Thema anzugehen. Eine Verpflichtung geht aber nicht damit einher.

Rörig: Manche Bundesländer verpflichten ihre Schulen bereits zu entsprechenden Maßnahmen, andere noch nicht. So sind wir immerhin einige kleine Schritte vorangekommen. Aber ja, es bleibt noch viel zu tun. Mein Traum ist, dass jede Schule in Deutschland nur dann eine Betriebserlaubnis bekommt, wenn es dort ein Schutzkonzept gegen sexuelle Gewalt und einen Notfallplan bei Verdachtsfällen gibt - so wie jede Schule auch einen Feueralarm und ein Brandschutzkonzept haben muss.

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