Unwetterchaos bei der Bahn "Ein bisschen Wasser als Abendbrot"

Oliver Schultz wollte nur von Hamburg nach Stuttgart und wieder zurück. Mehr als 24 Stunden war der 38-Jährige unterwegs. Eine Irrfahrt durch Deutschland.

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Protokolliert von Felix Keßler


Leser Oliver Schultz, 38, Jahre
Oliver Schultz

Leser Oliver Schultz, 38, Jahre

"Eigentlich wollte ich nur mit der Bahn von Hamburg nach Stuttgart und zurück. Meine beiden Kinder zu meiner Ex-Freundin bringen und dann wieder nach Hause fahren. Nicht länger als zwölf Stunden sollte das dauern - eigentlich.

Das hat diesmal leider nicht so richtig funktioniert. Seit gestern um 10 Uhr morgens bin ich jetzt unterwegs, die 24-Stunden-Marke habe ich längst geknackt. Zu Hause bin ich immer noch nicht.

Erste Probleme gab es schon auf dem Hinweg, von Hamburg nach Stuttgart, als die schweren Unwetter Mitteldeutschland erreichten. In Frankfurt ging dann erst mal nichts mehr, der Hauptbahnhof war für kurze Zeit komplett gesperrt. Wir wechselten in einen Zug nach Mannheim, dort war wieder Schluss. Einen ersten ICE, der nach Stuttgart fahren sollte, mussten wir drei wegen Überfüllung wieder verlassen und erwischten gerade noch einen zweiten.

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Bahnverkehr: Ein Sturm, großes Chaos

Mit gut zwei Stunden Verspätung in Stuttgart angekommen - ein überragendes Ergebnis, ich war glücklich. Und konnte sogar wertvolle pädagogische Erfahrungen bei der Unterhaltung meiner Kinder sammeln: Man weiß ja, wie gern sie regungslos verharren und geduldig auf Anweisungen warten. Sogar den ursprünglich geplanten Zug kurz vor 20 Uhr zurück nach Hamburg habe ich noch geschafft.

Stundenlanges Warten auf den Lokführer

Dann aber begann das richtige Chaos: Mein Zug endete gleich wieder unplanmäßig in Mannheim. Stunden später ging es weiter nach Frankfurt, von wo es endlich zurück gen Norden gehen sollte. Ein Zug schien bereit zu stehen, ein Lokführer war allerdings nicht in Sicht. Zusammen mit Hunderten anderen Fahrgästen wartete ich stundenlang auf unseren Erlöser. Doch auch als der irgendwann erschien, wurde es nicht besser. Er brachte uns und einige Zugbegleiter immerhin bis nach Kassel, wo wir 0.30 Uhr ankamen.

In Kassel habe ich schließlich die Nacht verbracht. "Wir wünschen allen, die hier aussteigen, einen schönen Abend", hieß es in einer letzten Durchsage. Der Zug wurde dann zum Aufenthaltszug gemacht und sollte nach fünf Stunden weiterfahren. Plötzlich waren alle Bahn-Angestellten wie vom Erdboden verschluckt. Was mich aber noch viel mehr aufgeregt hat: die über den Tag hinweg immer gleichen Ansagen, dass das Unwetter für das Chaos verantwortlich sei. Nie wurde etwas Genaueres erklärt.

Das Zugpersonal hat sich dann in den sicher wohlverdienten Feierabend verabschiedet. Alle bis auf eine einsame Zugbegleiterin. Sie hielt tapfer die Stellung, durfte aber weder Hotelübernachtungen noch Taxifahrten genehmigen. Das Bordbistro im ICE war natürlich auch längst zu, der Bahnhofsvorplatz ausgestorben.

Ich hätte im Zug bleiben können, buchte mir aber ein Hotel. Auf eigene Rechnung. Ein bisschen Wasser als Abendbrot hatte es von der Bahn gegeben. Jetzt wollte ich mir zumindest etwas Schlaf gönnen. Kurz nach zwei Uhr nachts schlief ich ein und wachte nach sieben Stunden wieder auf. Warum früh aufstehen, wo doch ungewiss war, wann und wie es weitergehen würde?

Flieger verpasst im viel zu fernen Hamburg

Heute vormittag brachte mich ein Zug nach Hannover. Da sitze ich noch immer. Ich warte auf die nächste Verbindung nach Hause und denke an meine Mitfahrer auf dieser Odyssee: das Pärchen neben mir im Zug, das seinen Ägypten-Urlaub absagen musste, weil es seinen Flieger im fernen Hamburg nicht mehr erreichen würde. Die Helden, die aus den überfüllten Zügen ausstiegen, um denen Platz zu machen, die vielleicht doch noch irgendwo einen Anschluss in die Heimat erreichen könnten. Die In-Sich-Gekehrten, die die sporadischen Durchsagen nur noch regungslos aufnahmen.

Gemeckert haben letztlich nur wenige, das Schicksal hat uns zusammengeschweißt. Hasstiraden auf das Bahnpersonal, die Politik, die Unwetter blieben aus. Ich wusste, zumindest auf den Bahnsteigen, auch gar nicht, bei wem ich mich hätte beschweren sollen. Ich wusste ja überhaupt so wenig."

Update: Um 15.30 Uhr am Freitagnachmittag ist Oliver Schultz wieder in Hamburg eingetroffen. Mehr als 29 Stunden nach Beginn seiner Reise, etwa 19 Stunden nach Abfahrt in Stuttgart.



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