Spitzenspiel gegen BVB Bayern sucht das Gegengift

Dortmund gegen Bayern - das klingt zwar toll, war zuletzt aus taktischer Sicht aber nur Durchschnitt. Auch diesmal droht Langeweile. Es sei denn, Trainer Niko Kovac hat eine Überraschung parat.

James Rodríguez (l.), Lukasz Piszczek
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James Rodríguez (l.), Lukasz Piszczek

Von Tobias Escher


Erinnern Sie sich noch daran, wie Jürgen Klopp 2011 als BVB-Trainer mit dem Taktikkniff des "Trippelns" Bayerns Superstars Arjen Robben und Franck Ribéry lahmlegte? Oder daran, wie Bastian Schweinsteiger im Champions-League-Finale 2013 die taktische Grundordnung seiner Bayern eigenmächtig über Bord warf und aus der Tiefe das Dortmunder Pressing aushebelte?

Zugegeben, wenn Fans über vergangene Duelle zwischen Dortmund und Bayern sprechen, dann kaum über solch taktische Aspekte. Fußball-Analysten aber sprechen noch heute mit Anerkennung von jenen Partien.

Nur: Diese Zeiten sind lange vorbei. Das Aufeinandertreffen der beiden Bundesliga-Topteams mutierte in den vergangenen Jahren aus taktischer Sicht zu Durchschnitt. Innovationen? Besonders clevere Matchpläne? Gab es zuletzt eher in Hoffenheim, Bremen oder auf Schalke zu sehen.

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Dortmund gegen Bayern: Kartenrekord und Kung-Fu-Kahn

Es kribbelt wieder

Wenn am Samstag Dortmund die Bayern empfängt (18.30 Uhr; TV: Sky; Liveticker SPIEGEL ONLINE), kribbelt es wieder. Das liegt vor allem an BVB-Trainer Lucien Favre. Nicht nur, dass die Borussia unter dem Schweizer die Tabelle anführt. Der Coach gilt auch als ausgewiesener Taktiker. Und er hat in der Vergangenheit bewiesen, dass die Bayern ihm liegen.

Vier Siege, drei Unentschieden, sieben Niederlagen lautet seine Bilanz. Dabei waren seine Mannschaften stets als klare Außenseiter in Spiele gegen die Münchner gegangen. Trotzdem erreicht von den amtierenden Bundesligatrainern nur Julian Nagelsmann einen höheren Punkteschnitt gegen den Rekordmeister (1,40 Punkte pro Spiel; Favre: 1,07).

Lucien Favre (r.)
DPA

Lucien Favre (r.)

Mit Hertha BSC (2007-2009) und Borussia Mönchengladbach (2011-2015) nervte Favre die Bayern mit ausgeklügelten Defensivplänen. Der Trainer ist bekannt dafür, mit seinen Mannschaften das Verschieben im Raum zu perfektionieren. Die Abstände zwischen den Viererketten gering halten, das Mittelfeld verdichten, nach Ballgewinnen mit vier Spielern kontern: So traten Favres Mannschaften normalerweise gegen die Bayern an.

Van Gaals Einfluss

Vor dem Spiel am Samstag stellt sich die Frage, ob Favre seine Dortmunder auch diesmal eher defensiv aufstellt. Zu Saisonbeginn ließ er das Team in einem 4-1-4-1 verteidigen. Nur drei Spieler lauerten auf Konter. Zuletzt feierte der BVB jedoch mit einer offensiveren Aufstellung Erfolge. Dortmund agierte in einem 4-2-3-1-System mit vier ausgewiesenen Offensivkräften. Marco Reus genießt als Zehner viele Freiheiten. Bleibt Dortmund dem Hurra-Fußball der vergangenen Wochen treu? Oder opfert Favre eine Offensivkraft und setzt auf eine gestärkte Defensive im 4-1-4-1?

Die Antwort dürfte über die taktische Gemengelage der Partie entscheiden. Denn während Favre bereits seine taktische Flexibilität unter Beweis gestellt hat, handelte Bayerns Trainer Niko Kovac starrsinniger. Egal, wie der Gegner heißt oder welche Spieler zur Verfügung standen: Kovac blieb jener 4-3-3-Formation treu, welche die Bayern in den Tagen von Louis van Gaal (2009 bis 2011) spielten. Das Team hängt noch immer an der Philosophie, die der Niederländer einst nach München brachte: Viel Ballbesitz und ständige Angriffe über die Flügel lautet das Credo.

Bei den Bayern heißt die Frage nicht, wie sie spielen, sondern wer spielt. Die Aufstellung im Mittelfeld dürfte ein Fingerzeig sein. Wählt er die defensive Variante mit Javi Martínez als Abräumer vor der Abwehr? Diese Variante stärkt die Absicherung. Allerdings fehlt Martínez die Fähigkeit, das Spiel aus der Tiefe zu gestalten. Das führte zuletzt zu Ideenarmut, so zu sehen bei Bayerns schmucklosem 2:0 über AEK Athen in der Champions League.

Niko Kovac
ARMANDO BABANI/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Niko Kovac

Oder wagt Kovac eine risikoreiche Aufstellung? In diesem Fall würde Joshua Kimmich ins zentrale Mittelfeld rücken. Noch angriffslustiger wäre diese Variante, wenn neben Kimmich mit James Rodríguez und Thomas Müller zwei offensive Spieler im Mittelfeld aufliefen. Das verspricht zwar mehr spielerische Optionen, um Dortmunds kompaktes Mittelfeld zu knacken, ist aber wohl auch anfälliger für Dortmunder Konter über die Halbräume. Vor allem Reus könnte als hängender Stürmer mit Tempo auf die Abwehr zulaufen.

Gift für Dortmunder Konter

Für Kovac gibt es eine weitere Option: die radikale Abkehr von der Bayern-Philosophie. In Frankfurt feierte der Kroate seine größten Erfolge, wenn seine Mannschaft eher defensiv auftrat. Dort favorisierte er ein 3-5-2-System. Im Zentrum kompakt stehen und kontern: Damit würde Kovac die Dortmunder wahrlich auf dem falschen Fuß erwischen. Zudem wäre eine Dreierkette mit Niklas Süle, Jérôme Boateng und Mats Hummels Gift für Dortmunder Konter.

Eine solche Taktik würde dem BVB Aufgaben stellen. Wie reagiert das Team, wenn es gegen München selbst das Spiel gestalten muss? Wäre Favre auf solch einen Ansatz vorbereitet? Der Ausgang wäre ungewiss.

Aber ist das wahrscheinlich? Eher nicht. Zu erwarten ist vielmehr die klassische Variante: Dortmund wartet ab im tiefen 4-1-4-1 und lauert auf Konter, während die Bayern in einer ebenfalls defensiven 4-3-3-Variante den Ball laufen lassen und das Risiko minimieren. Das wäre dann kein Fußballfest. Sondern die logische Fortsetzung eines Duells, das zuletzt an Attraktivität und Niveau eingebüßt hat.



insgesamt 10 Beiträge
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Nonvaio01 09.11.2018
1. oder aber auch
Favre hat eine ueberraschung parat.
inge-p.1 09.11.2018
2.
Vielleicht sollte Kovac alle Weltmeister 2014 und Gruppenletzten von 2018 auflaufen lassen, dazu noch den Weltmeister von 2018 als Glanzpunkt. Dann wird es schon für die Bayern reichen. Nebenbei: einen Dank an die Spiegel-Redaktion, dass sie es möglich machten, wenigstens in zwei, drei Nebensätzen den BVB zu erwähnen. Eigentlich nervt das servile Bayernarschlecken der "Fußball"-Redaktion.
peeka(neu) 09.11.2018
3. Bayern muss kommen
Bayern wird unbedingt drei Punkte mitnehmen wollen, andernfalls wird der Abstand zu Dortmund nicht kleiner. Damit ergibt sich die Taktik von Kovac doch fast von selbst. Defensiv abwarten bedeutet, dass seine Entlassung minütlich näher rückt. Diesen Druck hat Favre mit Sicherheit nicht.
spon1899 09.11.2018
4.
Wenn ich schon wieder höre wie arrogant Hoeneß daheredet. In seiner Welt ist Bayern Zweiter und nicht Gladbach, weil ja das Torverhältnis nicht zählt. Ja, ja, so ist es im Paralleluniversum von Uli. Er ähnelt immer mehr Trump. Wie schön wäre eine richtige Klatsche in Dortmund.
God 09.11.2018
5. Kovac
hat schon lange fertig ! Wieder so ein Fall, wo die großmäuligen Bayern sich vertan haben und sich selbst reinlegen ! Gut so ! Ein Verein, der nur vom Geld lebt, sollte bestraft werden !
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