Box-Jubilar Axel Schulz Einfach icke

Alle großen Kämpfe hat er verloren. Trotzdem wurde Axel Schulz zum beliebtesten deutschen Schwergewichtsboxer seit Max Schmeling. So einer fehlt dem heutigen Boxsport.

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Eigentlich sieht man ihn immer lachen. Vielleicht ist das schon das ganze Geheimnis. Diese ansteckende Fröhlichkeit, mit der Axel Schulz durchs Leben geht und die nie aufgesetzt wirkt. Er beherrscht die beiden schönsten Formen des Lachens: mit anderen und über sich selbst. Heute feiert er seinen 50. Geburtstag.

Dank seiner Art wurde Schulz zum beliebtesten deutschen Schwergewichtsboxer seit Max Schmeling. Und ihm gelang, was vielen anderen Sportler versagt bleibt: Seine Popularität scheint seit dem Ende der aktiven Karriere kontinuierlich zu wachsen. "Er hat das Beste aus sich gemacht", sagt sein langjähriger Trainer Manfred Wolke über Schulz. "Axel war und ist immer angenehm, mit einem ordentlichen Umgangston."

Wer sich dem Phänomen Schulz sportlich nähert, muss das eigentlich über seine Niederlagen tun. Über die vom 25. September 1999 zum Beispiel. Köln-Arena, 18.000 Zuschauer, fast alle auf Seiten von Schulz. Schwer getroffen kletterte der damals 30-Jährige nach acht der zwölf angesetzten Runden aus dem Ring. Die Augen waren zugeschwollen. Er war vorgeführt worden von einem damals noch jungen Wladimir Klitschko, dessen Weltkarriere an diesem Abend so richtig begann.

Maske, Schulz und der Box-Boom der Neunzigerjahre

"Ich musste so viele Treffer nehmen wie in meinem ganzen Leben zuvor nicht", sagte Schulz. Damit war klar, dass seine Profilaufbahn zu Ende war. Begonnen hatte sie 1990, direkt nach der Wende. An der Seite von Henry Maske und mit dem gemeinsamen Trainer Wolke unterschrieb Schulz einen Vertrag beim damals noch eher unbedeutenden Promoter Wilfried Sauerland.

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Boxer Axel Schulz: Vom ewigen Verlierer zum großen Gewinner

Zwei Jahre zuvor hatte Sauerland Graciano Rocchigiani zum Weltmeister gemacht. Mit Maske und Schulz sollte er das deutsche Profiboxen revolutionieren und einen Boom auslösen, von dem die Branche lange zehrte. Dabei profitierte Sauerland davon, dass Maske und Schulz so unterschiedlich waren.

Hier der "Gentleman" Henry, der sich in Interviews immer um möglichst analytische Formulierungen bemühte, dabei aber auch immer ein bisschen gestelzt und unnahbar wirkte. Dort der bodenständige Axel, den das Profigeschäft am Anfang fast ein wenig zu überfordern schien, der aber immer so redete, wie ihm die Schnauze gewachsen war. Einfach "kein schlechter Bengel", wie Trainer Wolke sagt.

Auch sportlich entwickelten sie sich gegensätzlich. Bei Halbschwergewichtler Maske lief alles nach Plan. In seinem 20. Kampf wurde er Weltmeister und verteidigte den Titel in den folgenden drei Jahren zehnmal. Er wurde zu Sauerlands Aushängeschild und zum gesamtdeutschen Vorzeigeobjekt für die gelungene Wiedervereinigung.

Die bitterste Niederlage wird zum größten Triumph

Für Schulz, der als Schwergewichtler eigentlich noch größeres Vermarktungspotenzial gehabt hätte, hat es dagegen nie zu einem großen internationalen Titel gereicht. Als Maske 1993 den WM-Titel gewann, musste sich Schulz im Kampf um die Europameisterschaft dem Briten Henry Akinwande geschlagen geben. Zwei Jahre später folgte die bitterste Niederlage, die zu seinem größten Erfolg werden sollte.

22. April 1995, MGM Grand in Las Vegas. Auf der größten aller Bühnen bekam Schulz die unverhoffte Chance, den legendären George Foreman herauszufordern - mehr als 20 Jahre nach dessen "Rumble in the Jungle" gegen Muhammad Ali. Schulz machte den Kampf seines Lebens. Sogar viele US-Experten waren der Meinung, dass er gewonnen hat. Doch es half nichts: Die Punktrichter sprachen Foreman den Sieg zu.

Später kam heraus, dass Promoter Bob Arum den Präsidenten des zuständigen Weltverbands IBF, Bob Lee, bestochen hatte, damit Schulz überhaupt als Herausforderer akzeptiert wurde. In den USA löste das einen großen Skandal aus. Das FBI schaltete sich ein, Lee wurde verhaftet. In Deutschland kam davon wenig an. Vor allem blieb nichts von der Kontroverse an Schulz haften. Der war von diesem Moment an einfach derjenige, den sie in den USA betrogen hatten.

Seinen folgenden WM-Kampf gegen den Südafrikaner Francois Botha sahen mehr als 18 Millionen TV-Zuschauer - es ist die bis heute höchste Einschaltquote für ein Sportereignis außerhalb des Fußballs. Schulz verlor erneut. Später wurde das Ergebnis des Kampfes annulliert, weil Botha gedopt war. Wieder war der Junge aus dem Osten um seinen Lohn gebracht worden.

Vom ewigen Verlierer zum großen Gewinner

Es folgte ein weiterer vergeblicher Anlauf auf die WM gegen Michael Moorer, die bereits erwähnte Niederlage gegen Klitschko und - auch das im genauen Gegensatz zu Maske - ein gescheiterter Comeback-Versuch. Im November 2006, sieben Jahre nach seinem eigentlichen Karriereende, ließ sich Schulz vom eher unbekannten Cruisergewichtler Brian Minto verprügeln. Kurz darauf wurde beim Deutschen ein Schlaganfall diagnostiziert.

Vom gesundheitlichen Schock erholte sich Schulz ähnlich schnell wie von seinen Niederlagen. Er hätte als ewiger Verlierer in die deutsche Boxgeschichte eingehen können, ist am Ende aber doch ein großer Gewinner, beliebter TV-Experte und Werbeträger. Die wenigsten wissen vermutlich, was die Firma Fackelmann eigentlich produziert. Aber den Namen kennt jeder von der unvermeidlichen Schulz-Mütze. Dafür soll das Unternehmen jährlich einen mittleren sechsstelligen Betrag gezahlt haben.

Dass Schulz als Testimonial funktioniert, liegt an seiner Art. Bis heute nimmt er sich Zeit für jeden, der mit ihm sprechen will. Jeder Fan bekommt sein Autogramm, jeden Journalisten führt er bei Bedarf durch seine Heimatstadt Frankfurt/Oder. Und mit jedem macht er seine Späße.

Bis zuletzt scherzte er auch regelmäßig mit Graciano Rocchigiani, dessen Unfalltod Schulz ebenso schockte wie die gesamte Boxwelt. Umso mehr hält er sich jetzt an das Motto, das seine Frau vorgebe. "Wir genießen jeden Tag", erzählt Schulz. "Zum Glück müssen wir nicht jeden Euro umdrehen. Uns geht es gut." Die Familie lebt nach Jahren in Florida inzwischen wieder in Brandenburg. "Da bin icke einfach icke", sagt Schulz.



insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
Nonvaio01 09.11.2018
1. sorry aber
Schulz hat aus misserfolg profit gemacht. Auch eine kunst.
nadennmallos 09.11.2018
2. Was soll's, er hat das gegen, was er konnte, ist doch ok!
Zitat von Nonvaio01Schulz hat aus misserfolg profit gemacht. Auch eine kunst.
Alle seine Möglichkeiten ausnutzen und wenn's nicht nach ganz oben reicht, egal, er hat das gegeben was er drauf hatte.. Ein guter Sportsmann und seine Box-Vita kann sich sehen lassen. Wie sieht denn Ihre aus?
kodu 09.11.2018
3. Axel Schulz' Offenheit und Ehrlichkeit, sein Sportsgeist,...
...haben ihn so beliebt gemacht. Er war und ist der große Brandenburger Junge, der sich nicht verstellte und der sich keine Eskapaden leistete, wie der leider viel zu früh verstorbene Graciano "Rocky" Roccigiani, dessen Freund er wohl auch war. Aber seine Beliebtheit spricht auch für das deutsche Sportpublikum, daß den Erfolg nicht höher hängt, als ehrlichen Wettkampf. Andere, derzeit scheinbar prosperierende Sportarten, sollten das immer im Auge behalten.
Onkel Drops 09.11.2018
4. @#1
Misserfolg? nö Axel war einfach Axel, ehrlich und sauber. das ist er immer noch. das weiß auch der Mützen Sponsor - welcher deutsche Sportler könnte das besser rüberbringen? 2 mal um den Sieg gebracht zu werden ist ja nicht seine Schuld. der kann auch im Fernsehen grillen und trotz "falscher Mütze" weiß jeder bescheid ;) top Leistung bis jetze, weiter so Axel! 50 Jahre rum gute Halbzeit...
Sibylle1969 09.11.2018
5.
Axel Schulz ist der erfolgreichste erfolglose Sportler Deutschlands. Ich habe nie verstanden, warum.
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