Zurück ins Schmuddel-Milieu Der Boxsport schafft sich ab

Kurz vor dem K.o.: Die Flut an WM-Titeln im Boxsport ist unglaubwürdig, der Amateurverband wählt einen skandalumwitterten Funktionär zum Präsidenten - und positiv getestete Boxer werden nicht bestraft.

Vitali Klitschko (r.) im Kampf mit Manuel Charr im September 2012
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Vitali Klitschko (r.) im Kampf mit Manuel Charr im September 2012

Ein Debattenbeitrag von


Boxen ist eine der beliebtesten Sportarten der Welt. Es ist vom Grundgedanken her fair, verlangt aber auch taktisches Geschick und mentale Härte. Zwei Menschen stehen sich gegenüber und prügeln sich nur mit den Fäusten. Es wird nicht mehr geschlagen, wenn jemand am Boden liegt. Und der Stärkere gewinnt. Soweit die Theorie.

In der Praxis kämpft das Boxen seit Jahren um seine Reputation und steht zumindest in Deutschland kurz vor der Bedeutungslosigkeit. Die großen TV-Sender haben sich trotz ehemals starker Einschaltquoten aus unterschiedlichen Gründen vom Boxsport losgesagt. Füllten die Klitschkos früher Fußballstadien mit 60.000 Zuschauern, kommen heute an guten Tagen noch 1.500 Fans zu Events, die in immer kleineren Sporthallen ausgetragen werden.

Noch schlimmer: Das Internationale Olympische Komitee (IOC) droht damit, das Boxen aus dem Programm für die kommenden Sommerspiele 2020 in Tokio zu streichen. Seit 1904 gehört der Sport zum Olympischen Programm. Die Weltkarrieren von Muhammad Ali, Lennox Lewis, Wladimir Klitschko oder Anthony Joshua begannen allesamt mit Olympiasiegen. Ein Ausschluss des Boxens von den Spielen wäre ein Schlag durch die Deckung genau ans Kinn. Davon erholt man sich nicht ohne Weiteres.

Dubiose Gestalten dominieren den Boxsport

Aiba-Präsident Gafur Rachimow
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Aiba-Präsident Gafur Rachimow

Für die Erwägungen des IOC gibt es Gründe. Statt strahlender Persönlichkeiten im Geiste Alis wird die gegenwärtige Box-Politik von dubiosen Gestalten dominiert. Der Amateur-Weltverband Aiba hat gerade den Usbeken Gafur Rachimow zum Präsidenten gewählt, einen Mann, der wegen seiner mutmaßlichen Nähe zur organisierten Kriminalität auf einer Sanktionsliste des US-Finanzministeriums steht. Rachimow wurde vom ehemaligen britischen Botschafter in Usbekistan, Craig Murray, einst als eine der "wichtigsten Figuren im globalen Heroinhandel" und als "gefährlicher Gangster" bezeichnet.

Auch das Profiboxen zieht Kriminelle an, diese Verbindung hat in vielen Ländern eine Tradition. In Deutschland schien die Zeit der Rotlichtgrößen am Ring Geschichte zu sein, als "Gentleman" Henry Maske den Boxsport in den Neunzigerjahren salonfähig machte. Doch mittlerweile gibt es wieder eine Verschiebung, der Einfluss von Rockergruppen und Clans wächst.

Hinzu kommen abstruse Fehlurteile, schlechte Kampfansetzungen, ein unübersichtliches Verbandsgeflecht und daraus folgend eine Flut von WM-Titeln, die dem Boxsport die Glaubwürdigkeit rauben. Da passt es ins Bild, dass die World Boxing Association (WBA) Manuel Charr wohl weiterhin als Schwergewichts-Weltmeister führt, obwohl er bei einer Trainingskontrolle positiv auf zwei anabole Steroide getestet wurde.

Überführte Dopingsünder verdienen Millionen

Ein Formfehler bei der Auswertung der Proben soll verhindern, dass ihm der WM-Titel aberkannt wird. Charr selbst sieht das als Beweis für seine Unschuld. Tatsächlich ist es nur der Beweis für die Unfähigkeit einer Sportart, sich selbst zu kontrollieren. Denn Charrs kurioser Dopingfall ist bei Weitem nicht der einzige im Profiboxen.

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Charr, Powetkin und Co.: Doping im Boxen

Der Mexikaner Saúl "Canelo" Álvarez wurde zweimal positiv auf Clenbuterol getestet. Ein halbes Jahr später war er Doppelweltmeister und unterschrieb einen mit 365 Millionen Dollar dotierten Vertrag mit der Streaming-Plattform Dazn. Es ist der höchstdotierte Einzelvermarktungs-Deal der Sportgeschichte.

Dem Russen Alexander Powetkin wurde dreimal die Einnahme verbotener Substanzen nachgewiesen. Trotzdem hat er nie länger als 13 Monate pausiert und im September einen der größten Kämpfe des Jahres gegen Schwergewichts-Champion Anthony Joshua bestritten. Charr, Álvarez und Powetkin sind nur drei von vielen Beispielen.

Die Boxverbände wollen selbst über das Strafmaß entscheiden

Da Profiboxen nicht olympisch ist, fällt es nicht in den Zuständigkeitsbereich der vom IOC gegründeten World Anti-Doping Agency (Wada). Zwar könnten sich auch Profi-Boxverbände freiwillig der Wada anschließen, müssten dazu aber den von der Agentur etablierten Code unterschreiben und dessen Regeln befolgen. Und dem wollen sich die Boxverbände nicht unterwerfen.

Stattdessen bleiben sie lieber selbst Herr des Verfahrens, um "im Einzelfall" entscheiden zu können, wie hart Dopingsünder bestraft werden. Deswegen hat sich im Profiboxen die Voluntary Anti-Doping Association (Vada) als Alternative zur Wada etabliert. Sie kooperiert mit den Verbänden und legt mit dem sogenannten Result Management auch die Festlegung des Strafmaßes in deren Hand.

Bislang war die Vada zwar sehr erfolgreich darin, Boxer des Dopings zu überführen. Dass dies in den seltensten Fällen ernstzunehmende Folgen hatte, lag in der Verantwortung der Verbände. Bei Charr ist die Lage anders. Wegen eines Verfahrensfehlers soll die gesamte Probe hinfällig sein. Damit dürfte Charr offiziell gar nicht als Dopingsünder geführt werden.

Doch nach den Details fragt am Ende niemand, wenn ein Weltmeister im Ring steht und seinen Titel verteidigt, der Steroide genommen haben soll. Die deutsche Öffentlichkeit reagiert bei Dopingvergehen deutlich sensibler als Box-Fans in anderen Teilen der Welt. Eigentlich hätte Charr seinen Titel Ende September in Köln vor mehr als 15.000 Fans gegen den Puerto Ricaner Fres Oquendo verteidigen sollen.

Der Kampf war nach der positiven A-Probe abgesagt worden. Wenn Charr jetzt doch Weltmeister bleiben und der Kampf wie geplant erneut angesetzt werden sollte, muss der Veranstalter wohl eine kleinere Halle suchen. Oder die WM ins Ausland verlegen. Dort können gedopte Boxer weiterhin Millionen verdienen.

Anmerkung: Der Autor arbeitete von 2006 bis 2013 für Arena Box-Promotion, zunächst in der Presseabteilung, später als Geschäftsführer. Heute ist er ehrenamtlich für den Bund Deutscher Berufsboxer sowie den Weltverband WBC (World Boxing Council) tätig und schreibt als freier Journalist unter anderem für SPIEGEL ONLINE und das Fachmagazin "Boxsport".



insgesamt 19 Beiträge
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Horst Haber 06.11.2018
1. Tja, das ist halt Profi-Sport
Wann immer es um Geld geht, wird Sport dadurch pervertiert. Seit über 15 Jahren schaue ich mir keinen Profi-Sport mehr an, selbst nicht die Sportarten, die ich selber fürher als Leistungssportler betrieb. Dieser extreme Kommerz ist zum Kotzen.
themistokles 06.11.2018
2.
Ein krimineller und korrupter Funktionär an der Spitze eines großen Sportverbandes? Also sowas wäre ja bei der weltweit größten Sportart undenkbar und so bleibt Fußball im olympischen Wettbewerb. /sarkasmus Wo wir gerade beim Fußball sind: Wie sieht es denn da mit den Dopingtests aus? Alles transparent? Und zum Thema im Boxsport: Wie doof muss man eigentlich sein, um sich bei einer freiwilligen (!) Probe erwischen zu lasen?
Dogbert 06.11.2018
3. Aha
Kurz vor dem K.o.: Die Flut an WM-Titeln im Boxsport ist unglaubwürdig, der Amateurverband wählt einen skandalumwitterten Funktionär zum Präsidenten - und positiv getestete Boxer werden nicht bestraft. Also alles wie im Profi Fussball, dann hoffen wir mal, der wird auch bald abgeschafft.
frenchhornplayer85 06.11.2018
4. themistokles
Im Fußball gibt es kaum Bluttests (im Schnitt pro Spieler weniger als einmal im Jahr) und somit lässt sich vieles gar nicht nachweisen. Aber laut dem Kaiser und anderen bringt Doping im Fußball ja auch gar nichts... Ja ne is klar!
rabbijakob 06.11.2018
5. Das Boxen schafft sich nicht ab...
... es geht nur dahin zurück, wo die besten Boxer herkamen. Wenn man Boxen für die breite Masse salonfähig machen will, ist es nicht mehr Boxen. Henry, der Gentlemen, die Klitschkos hätten beinahe die Ukraine übernommen... nein danke, Tyson war der Letzte. Danach kam nichts mehr. Und es gibt keinen Profisport ohne Doping.... wahrscheinlich dopen sogar die Schachgroßmeister.
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