Entschädigung für NS-Verbrechen Griechenland will 280 Milliarden Euro von Deutschland eintreiben

Solange Griechenland am EU-Tropf hing, vermied es Premier Tsipras, Reparationen für die NS-Kriegsverbrechen zu verlangen. Doch nun, nach Ende des letzten Rettungspakets, will Athen handeln.

Alexis Tsipras
REUTERS

Alexis Tsipras

Von , Thessaloniki


Im Oktober 1943 töteten deutsche Truppen, unterstützt von der berüchtigten Miliz des Kriegsverbrechers Friedrich Schubert, 30 Menschen in dem kleinen Ort Kallikratis auf der griechischen Insel Kreta. Es war ein Racheakt, eine Bestrafung dafür, dass die Dorfbewohner örtliche Partisanen unterstützt hatten.

75 Jahre später, am 3. Oktober 2018, wurde Kallikratis zum Dorf der Märtyrer ernannt. Griechenlands Präsident Prokopis Pavlopoulos hielt während der Zeremonie eine Rede. Pavlopoulos gedachte der Menschen, die den Gräueltaten der Nazis zum Opfer gefallen waren. Doch er machte auch eine aktuelle Referenz: Er betonte, dass Griechenlands Forderungen nach Reparationen für den Zweiten Weltkrieg noch immer rechtens seien.

Ein paar Wochen zuvor hatte sich der griechische Premierminister Alexis Tsipras ähnlich geäußert. Auch er hatte ein Märtyrerdorf besucht, den Ort Kandanos, in dem 1941 insgesamt 180 Menschen von den Nazis getötet worden waren, und er hatte dabei betont, dass die deutschen Reparationszahlungen einzufordern geradezu eine "historische Pflicht" sei.

Es ist kein Zufall, dass sich die beiden obersten Politiker Griechenlands so kurz hintereinander so deutlich zum selben Thema äußern. Es ist vielmehr der Auftakt zu einer längeren Kampagne, die nach SPIEGEL-Informationen im November starten soll.

Milliardenteure Forderungen

Das griechische Parlament soll dann einen Bericht absegnen, demzufolge den Griechen 269,5 Milliarden Euro an Entschädigungen für den Zweiten Weltkrieg zustehen. Hinzu kommen Rückforderungen eines Kredites, den die Griechen seinerzeit den Nazis für "Besatzungsausgaben" gewähren mussten. Dessen Wert wurde laut dem Bericht Ende 2014 auf rund 10,3 Milliarden Euro geschätzt.

Der Bericht ist bereits seit August 2016 fertig, wurde aber in der Schublade gelassen, solange die Griechen noch Notkredite von anderen EU-Ländern erhielten - und damit auch aus Deutschland.

Nachdem das dritte und letzte Rettungspaket für Griechenland Ende August endete, änderte sich die Haltung des Athener Premiers rasch. Tsipras erlaubte nun, dass das Parlament über die Zulässigkeit des Berichts abstimmt.

Prokopios Pavlopoulos
AP

Prokopios Pavlopoulos

Es gehe ihm um moralische Entschädigung und um einen historischen Schlussstrich, argumentiert der Premier. Die vielen Milliarden, die sein Land bekommen könnte, und die drohenden Neuwahlen, bei denen ein solcher Erfolg ihm viele Stimmen bringen dürfte, erwähnte er nicht.

Auch Triandafyllos Mitafidis, ein Abgeordneter von Tsipras' Syriza-Partei, und gleichzeitig der Vorsitzende des Komitees, das den Bericht zu den angeblich ausstehenden Reparationen verfasst hat, spricht viel von Gerechtigkeit.

"Die Zeit ist reif für eine Entschädigungsforderung", sagte Mitafidis dem SPIEGEL. "Es gibt keine gesetzlichen Limitierungen für Verbrechen gegen die Menschheit. Die Forderungen in dem Bericht sind voll begründet - historisch, politisch und rechtlich."

"Die Abstimmung im Parlament ist ein positiver Schritt", sagt auch Aristomenis Syngelakis vom griechischen Komitee für Reparationsforderungen gegen Deutschland, dessen Großvater von den Nazis erschossen wurde. Syngelakis verlangt gar, deutsches Staatseigentum auf griechischem Boden zu konfiszieren - durch die Durchsetzung früherer griechischer Gerichtsentscheidungen. Doch die Regierung will einen solchen radikalen Schritt nicht gehen.

Das Ziel ist der internationale Gerichtshof

Nachdem das Parlament über den Bericht abgestimmt hat, soll Phase zwei von Griechenlands Kampagne starten. Die Griechen wollen ihre Argumente in der ganzen Welt vortragen: in Deutschland, im EU-Parlament, vor dem Europäischen Rat und in der Uno.

In der dritten Phase ihrer Kampagne wollen die Griechen schließlich ihre Forderungen gegenüber den Deutschen erheben - vermutlich in Form einer verbalen Notiz, in der die Bundesregierung dazu aufgefordert wird, mit Griechenland Verhandlungen über die Reparationsforderungen aufzunehmen.

Die Bundesregierung dürfte dieses Gesuch ablehnen. Sie hat schon in der Vergangenheit deutlich gemacht, dass Griechenland aus ihrer Sicht kein Recht darauf hat, Entschädigungen für den Zweiten Weltkrieg zu fordern.

Frank-Walter Steinmeier
DPA

Frank-Walter Steinmeier

Nach Meinung einiger griechischer Rechtsexperten könnte ausgerechnet diese Ablehnung den Weg für einen Gerichtsprozess vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag ebnen.

Deutschland hält den Internationalen Gerichtshof nur für rechtliche Streitigkeiten zuständig, die sich nach dem 1. Mai 2008 zugetragen haben. Entsprechend könne Griechenland dort keine jahrzehntealten Forderungen einklagen. Sollte Deutschland nun aber Verhandlungen über die griechischen Reparationsforderungen ablehnen, dann könne die Regierung in Athen genau diese aktuelle Handlung vor dem Internationalen Gerichtshof anfechten, glauben die Experten.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wird sehr bald persönlich von den griechischen Plänen erfahren. Er besucht Griechenland vom 10. bis zum 12. Oktober und wird sich dabei auch mit Tsipras und Pavlopoulos treffen. Die Forderung nach deutschen Reparationen dürfte weit oben auf der Agenda stehen.

Das zeigt sich schon am Terminplan des Bundespräsidenten. Während seiner Reise soll Steinmeier unter anderem den Athener Vorort Chaidari besuchen. Jenen Ort, in dem die Nazis einst ein Konzentrationslager betrieben haben.

Übersetzung aus dem Englischen: Stefan Schultz



insgesamt 621 Beiträge
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AFD-Negativ getestet 06.10.2018
1. Richtig!
Die Deutschen müssen für ihre Vergangenheit und Gegenwart (Mitglied in der EU) dauerhaft einstehen.
architekt09 06.10.2018
2. Coole Geschäftsidee für den Nahen Osten
Super, Herr Tsipras! Und dann die Frist um 2350 Jahre verlängern und den Opfern der Feldzüge Alexander des Großen Reparationszahlungen, verzinst natürlich, zahlen. Was in keiner Weise die Gräuel der Nazis relativieren soll. Aber wenn man weiter Gift in der EU versprühen möchte, das ist bestimmt ein Weg.
stefan.p1 06.10.2018
3. Unglaublich!
Der deutsche Anteil an dem EU -Rettungsfond für Griechenland ist weg. War aber eigentlich klar! Es lebe der Friedensnobelpreisträger EU. Mir wird schlecht.
seinedurchlaucht 06.10.2018
4.
So dankt man also auf griechisch, dass man Hilfe bekommt.
mwroer 06.10.2018
5.
Ah ist es wieder soweit? Ich will das Fahrrad zurück dass die Wehrmacht meinem Opa geklaut hat! Abzuliefern bei mir in den Niederlanden - aber zackig!
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