Wut auf Wirtschaftspolitik Wall-Street-Boss greift Donald Trump an

Kenneth Jacobs hält offenbar nicht viel von US-Präsident Trump. Dessen Handels- und Steuerpolitik sei für Amerika und die Weltwirtschaft "besorgniserregend", meint der Chef der Investmentbank Lazard.

Donald Trump
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Im Prinzip müsste Kenneth Jacobs, Chef der US-Investmentbank Lazard und einer der einflussreichsten Wall-Street-Manager, zu Donald Trumps größten Fans gehören. Seit dessen Wahl zum US-Präsidenten haben amerikanischen Börsenkurse um rund 50 Prozent zugelegt, die großen Banken des Landes profitieren von Trumps Steuerreform, Lazards Reingewinn stieg in den ersten neun Monaten 2018 um satte 23 Prozent. Das Investmenthaus verwaltet Milliarden für institutionelle und private Kunden, berät Unternehmen bei Fusionen sowie Staaten in Krisensituationen und gehört zu den größten und einflussreichsten Investmentbanken der USA.

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Dennoch traut sich Jacobs, der Lazard seit 2009 leitet, etwas, das die meisten seiner Vorstandsboss-Kollegen nicht wagen: Trump scharf und vor allem öffentlich zu kritisieren. "Trump versteht Handel als bilaterale Angelegenheit. Kein Mensch außerhalb des Weißen Hauses glaubt daran!", sagte Jacobs dem SPIEGEL. "Grundlegende Gewissheiten der vergangenen Jahrzehnte" seien verloren gegangen, sagt Jacobs, und erklärt was er meint: "Nämlich dass freie Märkte in einer multilateralen Welt mit den USA als Leitbild letztlich allen zugutekommen. Seit Trump im Amt ist, wird dieses Leitbild schwächer. Und mit ihm verschwinden einige der Leitplanken, die immer verhindert haben, dass andere Länder zu sehr vom Weg abkommen." (Lesen Sie hier das vollständige Interview im neuen SPIEGEL.)

Kenneth Jacobs
Johannes Simon / Picture Alliance / SZ Photo / dpa

Kenneth Jacobs

Sorgen bereitet Jacobs vor allem Trumps umfassende Steuerreform, die Anfang 2018 in Kraft getreten ist. Die Unternehmenssteuern sanken drastisch von 35 auf 21 Prozent; für Privatpersonen wurde der Spitzensteuersatz ebenfalls gesenkt, wenn auch weniger stark. Freibeträge wurden verdoppelt und Steuergutschriften für Familien mit Kindern erhöht.

Trotzdem ist Jacobs enorm kritisch. "Nicht alle Amerikaner profitieren von der Einkommensteuerreform", sagt er. Geringverdiener etwa hätten kaum etwas davon. "Und was die Senkung der Unternehmenssteuern angeht: Es ist unklar, wie viel von dem zusätzlichen Geld investiert oder aber direkt wieder an die Aktionäre ausgeschüttet wird." Zugleich, so Jacobs weiter, dürfte das Etatdefizit im Haushaltsjahr 2019 auf fast 1000 Milliarden Dollar und im Jahr 2020 darüber hinaus steigen. "Das entspricht fünf Prozent der Wirtschaftsleistung. Und das bei starker Konjunktur! Das ist besorgniserregend."

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insgesamt 13 Beiträge
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neutron76 09.11.2018
1. Irgendwann ist die Party vorbei
Wenn ein unterfinanzierter Staat schon schon den größten Profiteuren gespenstisch wird... Eines Tages wird der erste große Anleger aussteigen und dann beginnt ein Dominoeffekt, der mal abgesehen von fallenden Kursen durch sinkende Staatseinnahmen den USA sämtliche Handlungsoptionen rauben wird. Bleibt noch die Notenbank, die versuchen kann durch höhere Zinsen Steuererhöhungen zu erzwingen.
isi-dor 09.11.2018
2.
Trump hat sich wählen lassen, um sich und seiner Clique nach Lust und Laune die Taschen zu füllen und nicht, um die Armen zu entlasten.
marthaimschnee 09.11.2018
3. besorgniserregend dürfte etwas anderes sein
und zwar nicht die unmittelbaren Folgen, sondern die etwas weiter entfernten. In Europa werden die Forderungen nach einer Loslösung von den USA lauter und das nicht nur militärisch, sondern vor allem auch bei der totalen Abhängigkeit im IT-Bereich. Die Tage derer, die bedingungslose Treue zu deren Imperialgehabe liefern wollen, scheint ebenso vorbei. Und die Chinesen sägen am Dollar als Leitwährung, was ihnen sehr leicht fällt, weil die Liste derer, die von den USA sanktioniert werden und entsprechend nicht mehr in Dollar handeln können oder wollen, ja sprunghaft länger wird. Am Ende stehen die USA dann da wie der Schulrüpel, mit dem keiner mehr was zu tun haben will. Und das dürfte alles andere als positiv für die US Wirtschaft sein.
dirkcoe 09.11.2018
4. Mr. Jacobs kann Rechnen
Das hat er Trump einfach voraus. Trump hat in den letzten Monaten mit grosser Luft ein Strohfeuer in den USA entfacht. Jetzt ist das Stroh bald alle - und die Probleme fangen an. Um die zu lösen ist ein Dummkopf Trump sicher die denkbar schlechteste Besetzung. Als Freunde stehen Trump doch nur noch Nordkorea, Israel und Saudi Arabien zur Verfügung. Das wird kaum reichen, gegen die EU und China.
aurichter 09.11.2018
5. @ dirkcoe*heute, 19:09 Uhr #4
Nun ja, einige Südamerikaner scheinen, sowohl wirtschaftlich wie politisch, auf den Trump Kurs einzuschwenken. Ob diese Länder damit gut fahren, das werden wir über Brasilien und Bolsonaro dann sehen.
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