Türkei Warum der Lira-Verfall der deutschen Wirtschaft schaden kann

Minus 20 Prozent in ein paar Stunden: Die türkische Lira befindet sich im freien Fall, nach ohnehin massivem Wertverlust. Die Krise droht auf Europa überzugreifen.

Wechselstube in Istanbul
SEDAT SUNA/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

Wechselstube in Istanbul

Von und Felix Sommerfeld


Wie Panik aussieht, konnte man an diesem Freitag am türkischen Devisenmarkt erleben: Nachdem US-Präsident Donald Trump auf Twitter bekannt gab, die Zollsätze auf türkische Stahl- und Aluminiumprodukte zu verdoppeln, verlor die türkische Lira zeitweise knapp 20 Prozent - und das, nachdem die Währung schon in den vergangenen Tagen extrem abgestürzt war. Seit Jahresbeginn hat die Lira damit fast die Hälfte ihres Werts verloren.

"Die globalen Märkte haben den Absturz der türkischen Lira in den vergangenen Tagen mehr mit Neugier als Besorgnis beobachtet. Sie dachten, es sei ein rein lokales Problem der Türkei. Aber das hat sich jetzt geändert", sagte Sean Callow, Währungsstratege bei Westpac dem "Wall Street Journal". Denn nun greift die türkische Finanzkrise mit voller Härte auch auf Europa über: Der Euro-Kurs sackte deutlich ab, der deutsche Leitindex Dax verlor zeitweise mehr als zwei Prozent und auch Bankaktien stürzten ab.

Die deutsche Wirtschaft hat gleich mehrere Gründe, mit Sorge auf die Türkei zu blicken:

1. Europas Banken könnten ihr Geld nicht wiedersehen

Durch den Lira-Verfall steigt das Risiko, dass türkische Banken ihre Devisen-Verpflichtungen in Dollar oder Euro nicht mehr begleichen können. Das hätte auch massive Auswirkungen auf Europas Banken, denn sie haben türkischen Banken Milliarden geliehen. Sollten die türkischen Institute ihre Schulden in Dollar nicht begleichen können, würde das Löcher in die Bilanzen europäischer Banken reißen.

Laut einem Bericht der "Financial Times" sind die Aufseher der Europäischen Zentralbank (EZB) deshalb alarmiert und beobachten derzeit mehrere große EU-Banken wegen ihres Engagements in der Türkei. Vor allem die spanische BBVA, die französische BNP Paribas und die italienische Unicredit haben demnach stattliche Summen in Ankara geparkt.

Nach Angaben der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) wären Spaniens Banken am härtesten von einem Zahlungsausfall türkischer Institute betroffen: Sie haben rund 82 Milliarden Euro an türkische Institute verliehen. Aber auch bei deutschen Banken stehen knapp 17 Milliarden Dollar im Feuer.

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Es wäre nicht das erste Mal, dass sich Probleme in einem wirtschaftlich eher kleinen Land auf das gesamte Bankensystem Europas übertragen würden: Immer wieder haben sich in der Vergangenheit Bankenkrisen in Italien und Griechenland auf den gesamten Euroraum ausgewirkt.

Präsident Erdogan mit Anhängern
REUTERS

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2. Der Euro gerät unter Druck

Im Zuge des Lira-Verfalls rutschte die europäische Gemeinschaftswährung zeitweise bis auf 1,14 Dollar ab und damit auf den tiefsten Stand seit Juli 2017.

Der Grund: Investoren kauften lieber amerikanische Dollar, weil sie glauben, dass die USA kaum von der Lira-Krise betroffen sein wird. In den vergangenen drei Monaten hat der Euro gegenüber dem Dollar bereits knapp vier Prozent an Wert eingebüßt.

Ökonomen argumentieren gerne, ein schwacher Euro sei gut für die exportstarke deutsche Wirtschaft, weil er Produkte für Käufer im Ausland billiger macht. Doch mittelfristig gesehen kann ein schwacher Euro auch ein gewaltiger Nachteil für die Wirtschaft sein. Denn eine schwache Währung bedeutet, dass Investoren weniger auf die Stabilität einer Währung vertrauen. Sie verlangen daher höhere Zinsen, wenn sie Geld im Ausland anlegen. Das erhöht langfristig die Finanzierungskosten für Staaten, Unternehmen und Bürger.

3. Weniger Nachfrage nach deutschen Exporten

Auch die deutsche Exportindustrie könnte unter der Lira-Krise leiden. Durch die Abwertung der Lira könnten Exporte in die Türkei einbrechen, weil importierte Waren für türkische Unternehmen immer teurer werden. Das könnte zu einer geringeren Nachfrage nach deutschen Produkten führen.

Ebenso wie viele andere Länder ist die Türkei für die exportgetriebene deutsche Wirtschaft als Absatzmarkt von Bedeutung: Im Jahr 2017 sind deutsche Waren im Wert von mehr als 21,4 Milliarden Euro in die Türkei verkauft worden. In der Rangfolge der Handelspartner nehmen die Türken damit aber nur Platz 16 ein.

Vor allem die Automobilbranche wäre betroffen, die im vergangenen Jahr Fahrzeuge für rund drei Milliarden Euro in die Türkei geliefert hat. Die derzeitige Währungs- und Wirtschaftskrise macht sich in der Türkei in genau diesem Sektor schon jetzt deutlich bemerkbar - die Zahl der verkauften Neuwagen ist im Juli 2018 im Vergleich zum Vorjahresmonat um 36 Prozent gesunken.

Mehr zum Thema: Lesen Sie hier mehr über die Hintergründe des Lira-Verfalls



insgesamt 92 Beiträge
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gldek 10.08.2018
1. Panikmache
Das Bruttoinlandsprodukt der Türkei beträgt gerademal gut ein Viertel des von Deutschland, ganz zu schweigen des der EU. Die Auswirkungen einer Pleite des "osmanischen Reiches" dürften sich in Grenzen halten.
Draw2001 10.08.2018
2. Dann wird der Türkei- Urlaub noch billiger.....
Das werden viele sagen. Doch hier steht ein weiteres Sonderangebot im Weg: “Buchen Sie zwei Wochen und bleiben Sie 20 Jahre.“ (Passiert immer dann, wenn der Inhaber des Reisebüros ein Freund von GÜLEN ist oder war). Tja, Herr ERDOGAN: In ein Land, das von einem Diktator geführt wird, der vor unrechtmäßigen Verhaftungen und unberechenbarem Verhalten nicht zurückschreckt, investiert kaum jemand.
florian29 10.08.2018
3. Das Ende des Diktators
Von mir aus kann die Türkei zusammenbrechen. Wieder wird einem klar, was für ein Glück wir hatten, daß sich SPD und Grüne mit ihren irren Plänen der EU-Mitgliedschaft nicht durchsetzen konnten. Türkei ist ein Dritte Welt Land.
ernstmoritzarndt 10.08.2018
4. Viel wichtigere Frage:
..... In welchem Umfange ist die Bundesrepublik Deutschland über Hermes- und KfW - Kredite eingebunden? Wieviel werden wir aus Steuergeldern aufbringen müssen, um diese Kreditbürgschaften abzulösen. 1.) Jeder, der lesen kann, war seit Monaten darüber informiert, daß die Türkische Währung in den bekannten Keller rauscht. Das ist eine längerfristige Angelegenheit. Konsequenz: Der Bankenvorstand (zumindest solange er dem bundesrepublikanischen AktienG unterliegt), der keine Vorsorge getroffen hat, sich von solchen Lira - Krediten zu trennen, wird ein Erklärungsproblem bei der nächsten Hauptversammlung haben. 2.) Jedes Institut hätte sich von diesen faulen Darlehen trennen können. 3.) Die Bundesregierung wird sich mit Exportfinanzierungen intensiver beschäftigen müssen, denn die Lira wird weiter fallen.
mistermister 10.08.2018
5. Wann wehrt sich Europa
Und holt zu einem ordentlichen Schlag gegen die USA aus? Facebook verbieten, Google und Amazon gerecht besteuern, amerikanische Dienstleistungen regulieren, US Basen in Europa schließen etc. Wir sollten uns gegen die USA verteidigen.
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