Technik-Innovation Was die Wikinger zu gefürchteten Seefahrern machte

Um 700 nach Christus begann die Hochzeit der Wikinger. Möglich war das wahrscheinlich nur durch die Großproduktion eines klebrigen Stoffes.

Wikinger-Festival auf den Shetland-Inseln
AFP

Wikinger-Festival auf den Shetland-Inseln


Ohne ihre Schiffe wären die Wikinger wohl nicht weit gekommen. Im achten Jahrhundert war die Zeit, in der die nordischen Völker begannen, weite Teile Europas zu plündern und später auch den Atlantik zu überqueren. Möglich war das wahrscheinlich nur aufgrund einer technologischen Innovation: Durch die Produktion von Teer waren die Wikinger in der Lage, ganze Schiffsflotten abzudichten und so vor Wasser zu schützen.

In Schweden hat ein Forscher nun trichterförmige Gruben untersucht, die genutzt wurden, um diesen Teer zu produzieren. Darin wurde Kiefernholz mit Torf bedeckt und unter Luftabschluss angezündet. So entstand Holzteer. Allerdings geschah das über die Wikingerzeit in unterschiedlich großem Ausmaß, berichtet Andreas Hennius von der Uppsala University im Fachmagazin Antiquity.

300 Liter Teer in einem Produktionszyklus

Hennius verglich die Teeröfen an unterschiedlich alten Grabungsstätten:

  • Im Südosten von Schweden hatten Forscher Anfang der Zweitausender Teeröfen aus den Jahren 100 bis 400 nach Christus entdeckt. Sie waren recht klein und in Siedlungen untergebracht, berichtet der Archäologe.
  • 2005 fanden Forscher dann weiter nördlich größere Teeröfen, die allerdings aus der Zeit zwischen 680 und 900 stammen. Sie befanden sich in der Regel außerhalb der Siedlungen in der Nähe von Kiefernwäldern, sodass Holz direkt verfügbar war.

Forscher waren zunächst davon ausgegangen, dass sie zur Produktion von Holzkohle genutzt wurden. Doch Hennius ist sich sicher, dass hier Teer entstand - und zwar in größeren Mengen. Bis zu 300 Liter von dem zähflüssigen Dichtmittel konnten in den großen Gruben in einem Produktionszyklus hergestellt werden.

Die Massenproduktion würde auch zeitlich passen. Denn mit dem Ende des siebten Jahrhunderts begann die Hochzeit der Wikinger. Zwar kann die Teerproduktion allein ihre Ausbreitung nicht erklären, sie leistete aber wahrscheinlich einen wichtigen Beitrag.

Im 11. Jahrhundert Ausdehnung bis nach Amerika

Bei den Öfen habe es sich um Industriestätten gehandelt, die ausschließlich der Massenproduktion von Teer dienten, glaubt Hennius. Das habe es den Wikingern ermöglicht, mit ihren Langschiffen auf Plünderfahrt zu gehen. Zudem könne der Teer dazu gedient haben, Segel zu imprägnieren und mit den Waren zu handeln.

"Die zwischenzeitliche Größe der Wikingerflotte legt nahe, dass es eine große, beständige Nachfrage nach dem Produkt gab", schreibt der Forscher. In einigen Quellen sei die Rede von Hunderten Schiffen. Die Konstruktion von Wikingerlangbooten ist inzwischen archäologisch gut dokumentiert - auch die Nutzung von Teer war bekannt.

Bis zum 11. Jahrhundert beherrschten die Wikinger weite Teile Großbritanniens und hatten sich in Island, Grönland und Amerika niedergelassen. Von dort aus überfielen sie unter anderem spanische Häfen. Erst mit der Christianisierung um 1000 nach Christus endete allmählich die große Zeit der Wikinger. Sie wurden zunehmend sesshaft.

Im Video: Wikinger-Tage in Schleswig - Der Kult um die Nordmänner

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jme



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brathbrandt 06.11.2018
1. "Die Wikinger überfielen und plündeten..."
Das ist sicher richtig. Es ist aber die Antwort auf die Aggression von christlichen Byzantinern und Franken, die die heidnische Völker Mitteleuropas überfielen, beraubten und versklavten. Wer überlebte wurde (Männer kastriert) auf orientalischen Sklawenmärkten verkauft. Die Sklavenroute gingen von Prag über Völkermarkt und Klagenfurt zu den italinischen Häfen. Eine andere von England über Verdun an die französische Mittelmeerküste. Dieser Entvölkerungsprozess begann bei uns mit dem Angriff auf die heidnischen Sachsen und endete um 1400, als mit den Litauern, die letzten heiden Europas bekehrt waren.
bunterepublik 06.11.2018
2. Mag sein
Kann schon sein....aber die Ausbreitung massgeblich auf einen einzigen Stoff zurückzuführen, scheint mir recht eindimensional. Neben Teer waren sicherlich auch etliche andere Rohstoffe, wie Holz, Eisen usw., für die Ausrüstung notwendig. Die Römer haben sich ja auch nicht nur wegen ihres Opus caementicium verbreitet....Viel wichtiger scheint mir die Form der Schiffe zu sein, die es ermöglichte, Flussläufe zu befahren.
Bibendumx 06.11.2018
3. Navigation ist wichtiger
Ein dichtes Schiff ist gut und schön. Aber jedes Boot läßt sich bei kleineren Leckagen lenzen, zumal wenn genügend Leute an Bord sind. Ohne eine gute Navigation wird das aber alles nichts. Wer schon mal - besonders in diesen Gegenden - Segeln war, weiß wie anspruchvoll eine Navigation ohne GPS ist. Schätze, dass z.B. von Bremerhaven oder Cuxhaven ein Navigationsehler von nur 10 bis 20 Grad schon dazu führt, dass man noch nicht mal Heldogland in Sicht erhält. Von Südnorwegen nach Island und Grönland mit dem sogenannten "Sonnenstein" zu navigieren, ist ganz sicher technologisch höher zu bewerten, als irgendeine Löcher/Fugen-mit-Teer-Zuschmiererei, auch incl. einer Teergewinnungstechnik.
Ökofred 06.11.2018
4. Ganz sicher...
Zitat von brathbrandtDas ist sicher richtig. Es ist aber die Antwort auf die Aggression von christlichen Byzantinern und Franken, die die heidnische Völker Mitteleuropas überfielen, beraubten und versklavten. Wer überlebte wurde (Männer kastriert) auf orientalischen Sklawenmärkten verkauft. Die Sklavenroute gingen von Prag über Völkermarkt und Klagenfurt zu den italinischen Häfen. Eine andere von England über Verdun an die französische Mittelmeerküste. Dieser Entvölkerungsprozess begann bei uns mit dem Angriff auf die heidnischen Sachsen und endete um 1400, als mit den Litauern, die letzten heiden Europas bekehrt waren.
So blödsinnig es ist, die Wikinger auf "Rauben und Plündern" zu reduzieren, so gewagt ist Ihre These. Ich würde mal sagen, dass ist Quatsch. Soll das ein kausaler Zusammenhang sein? Wie sollen die Wikinger denn davon betroffen gewesen sein, oder haben die sich das abgeguckt? Die Wahrheit ist leider viel profaner: Die Wikinger haben erstmal bei sich selbst geübt, dass heisst sie haben erstmal die Nachbarn im nächsten Fjord überfallen. Dann waren die Angelsachsen auf den britischen Inseln dran... auch nicht grad "Franken und Byzantiner". Die sind übrigens auch nicht so weit nach Norden gekommen, die Franken haben sich mehr an den Osten gehalten (Slaven und Sachsen).
Pless1 06.11.2018
5.
Zitat von brathbrandtDas ist sicher richtig. Es ist aber die Antwort auf die Aggression von christlichen Byzantinern und Franken, die die heidnische Völker Mitteleuropas überfielen, beraubten und versklavten. Wer überlebte wurde (Männer kastriert) auf orientalischen Sklawenmärkten verkauft. Die Sklavenroute gingen von Prag über Völkermarkt und Klagenfurt zu den italinischen Häfen. Eine andere von England über Verdun an die französische Mittelmeerküste. Dieser Entvölkerungsprozess begann bei uns mit dem Angriff auf die heidnischen Sachsen und endete um 1400, als mit den Litauern, die letzten heiden Europas bekehrt waren.
Es ist müßig zu diskutieren, wer wen zuerst überfiel. In jenen Zeiten galt Gewalt ganz allgemein als probates Mittel der Politik. Das Bild vom Wikinger als plündernder und brandschatzender Unhold ist ohnehin ein Zerrbild. Ja, auch das ist Teil ihrer Geschichte. Aber in erster Linie waren die Wikinger erfolgreiche, weit vernetzte Händler.
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