Vulkan auf Sizilien Das rätselhafte Abrutschen des Ätna

Der Ätna auf Sizilien ist einer der höchsten Vulkane Europas. Doch der Gigant rutscht langsam ins Meer. Forscher haben das Phänomen nun genauer untersucht - und sie haben keine guten Nachrichten.

Vulkan Ätna
Dr. Felix Gross

Vulkan Ätna


Die Ostflanke des Ätna auf der italienischen Insel Sizilien rutscht einige Zentimeter pro Jahr Richtung Meer. Das könnte nach Ansicht der Forscher katastrophale Folgen haben.

Die Flanken könnten plötzlich kollabieren und das Abrutschen großer Mengen Material ins Meer einen Tsunami auslösen, berichten Kieler Wissenschaftler im Fachblatt "Science Advances". Sie haben die Ursache für die Bewegungen des Vulkans genauer untersucht.

Der Ätna liegt an der Ostküste Siziliens und ist mit um die 3300 Meter einer der höchsten Vulkane Europas. Er hat vier Hauptkrater und Hunderte Nebenkrater, aus denen bei Ausbrüchen Magma austritt. Der Vulkan ist ständig aktiv; immer wieder kommt es zu kleineren und größeren Ausbrüchen, die auch den Flugverkehr der Insel beeinträchtigen.

Dass die südöstliche Flanke des Vulkans in Bewegung ist und ins Meer rutscht, ist seit Längerem bekannt. "Das gesamte Vulkangebäude ist sehr hoch und schwer", sagt Morelia Urlaub, federführende Wissenschaftlerin vom Geomar-Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel. "Das hat zur Folge, dass sich der Vulkan quasi ständig in alle Richtungen ausbreiten möchte. Am ehesten kann er das in Richtung Meer."

Messung unter Wasser

Wodurch der Vulkan ins Rutschen kommt, war allerdings lange nicht genau erforscht. Das liegt auch daran, dass Wissenschaftler die Bewegungen bisher nur an Land vermessen haben. Der unterseeische Teil des Feuerbergs sei weitgehend unberücksichtigt geblieben, weil satellitenbasierte Messungen unter Wasser nicht möglich seien, berichten die Forscher.

Sie brachten nun in etwa 1200 Metern Wassertiefe fünf mit Drucksensoren ausgerüstete Transponder an der instabilen Flanke des Vulkans an, oberhalb und unterhalb einer von West nach Ost verlaufenden Verwerfungszone. Diese trennt den instabilen Teil des Vulkans von stabileren Bereichen.

Verwerfungszone
Dr. Alessandro Bonforte

Verwerfungszone

Die Transponder messen, wie lange ein akustisches Signal zwischen den beiden Teilen hin- und herwandert. Die Drucksensoren zeichnen den Druck der Wassersäule auf, die sich mit der Tiefe ändert. Zusammen lassen sich aus den Messdaten Rückschlüsse auf die Bewegung der Flanke in horizontale und vertikale Richtung ziehen.

Bewegung vier Zentimeter seitwärts

Die Forscher werteten Daten von April 2016 bis Juli 2017 aus. Die meiste Zeit blieb der Abstand zwischen den Transpondern im Netzwerk gleich, auch die Druckmessungen zeigten keine außergewöhnlichen Veränderungen. Im Mai 2017 gab es dann über einen Zeitraum von acht Tagen deutliche Veränderungen.

Die Flanke bewegte sich unter Wasser etwa vier Zentimeter seitwärts in östliche Richtung und etwa einen Zentimeter abwärts.

Blick auf den Ätna
Dr. Felix Gross

Blick auf den Ätna

Es wäre nahe liegend zu glauben, dass die Bewegungen vor allem durch die Aktivität des Magmas im Vulkan ausgelöst werden. Nach dem Motto: Bei einem Ausbruch bewegt sich der Vulkan stärker. Doch fließendes Magma ist gar nicht oder zumindest nicht allein verantwortlich, schreiben die Wissenschaftler.

In dem betreffenden Zeitraum sei keine Zunahme der Magma-Aktivität festgestellt worden. Wenn aufsteigendes Magma verantwortlich wäre, würde man die größten Verschiebungen zudem nahe am Vulkanzentrum erwarten - auch dies sei nicht der Fall, so die Forscher.

Katastrophaler Kollaps der Flanke

Sie folgern daraus, dass die Schwerkraft die Vulkanflanke in Bewegung setzt. Ob das Absinken des Kontinentalrandes in der Region möglicherweise eine Art Zug auf den Vulkan ausübt oder der Vulkan einfach aufgrund seiner Größe und Schwere abwärts rutscht, müsse weiter erforscht werden.

Der angenommene Abrutsch-Mechanismus könne - anders als Magma-Eruptionen - einen katastrophalen Kollaps der Flanke auslösen. "Von den Gravitationskräften ist die gesamte instabile Flanke betroffen - von oben bis hinab zum Fuß des Vulkans", sagt Urlaub.

Dementsprechend große Mengen Material könnten quasi auf einen Schlag ins Meer stürzen und eine riesige Flutwelle auslösen. Ein Abbruch aufgrund von aufsteigendem Magma würde dagegen viel kleinere Bereiche nahe der Aufstiegszone betreffen.

jme/dpa



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