Neue Studie zum CO2- Ausstoß Die verfluchte Kohle

Schlechte Nachrichten zur Uno-Klimakonferenz: Eine neue Datenauswertung kommt zu dem Schluss, dass die CO2-Emissionen wieder steigen. Regenerative Energien boomen - aber sie drängen Kohle oft nicht aus dem Markt.

Illegales Stahlwerk in China (Archivbild)
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Illegales Stahlwerk in China (Archivbild)


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Für eine kurze Weile sah es so aus, als hätte die Welt die Trendwende beim Klima geschafft. In den Jahren zwischen 2014 und 2016 war der Ausstoß an Treibhausgasen weltweit gesehen kaum noch gestiegen - nachdem er Anfang des Jahrtausends noch jedes Jahr um mehr als drei Prozent geklettert war.

Dann kam im vergangenen Jahr der Warnschuss: Die globalen CO2-Emissionen hatten wieder zugelegt, um etwa 1,6 Prozent.

Nun zeigt sich, dass das offenbar nicht nur ein Ausrutscher war.

Der Kohlendioxidausstoß hat in diesem Jahr einer Studie zufolge deutlich zugenommen - und dürfte einen neuen Rekordwert erreichen. Vor allem weil mehr Öl und Gas verbrannt würden, seien die Emissionen 2018 laut einer Projektion um mehr als zwei Prozent angestiegen, warnt der Forschungsverbund Global Carbon Project. Auch das Uno-Umweltprogramm hatte in der vergangenen Woche eine Schätzung veröffentlicht, wonach der weltweite CO2-Ausstoß einen neuen Rekord erreicht hat.

Derzeit verhandeln Vertreter von fast 200 Ländern auf der Weltklimakonferenz im polnischen Katowice über Regeln für die Umsetzung des Pariser Klimaabkommens, mit deren Hilfe die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad und möglichst auf 1,5 Grad begrenzt werden soll - verglichen zur vorindustriellen Zeit um 1750. (Eine Übersicht zu den wichtigsten Punkten der Konferenz finden Sie hier.)

Uno-Klimakonferenz in Katowice

"Die Zunahme des Ausstoßes 2017 konnte man noch als Ausreißer sehen, aber 2018 ist der Anstieg noch stärker und es wird glasklar, dass die Welt ihrer Pflicht nicht nachkommt, auf die Ziele des Pariser Abkommens von 2015 zuzusteuern", sagt Glen Peters vom Zentrum für Internationale Klima- und Umweltforschung in Oslo, kurz Cicero. Klimaschützer hatten gehofft, dass Wirtschaftswachstum und Zunahme der Emissionen inzwischen global betrachtet entkoppelt seien.

Kohle boomt weiter

Die 76 Experten aus 15 Ländern, die beim Global Carbon Project mitmachen, sagen nun aber für 2018 einen Anstieg der Emissionen zwischen 1,8 und 3,7 Prozent voraus. Genauer lässt sich der Wert wegen bestehender Unsicherheiten nicht festlegen. Die diesjährige Projektion wird in gleich drei verschiedenen Fachartikeln in den Zeitschriften "Nature", "Earth System Science Data" und "Environmental Research Letters" veröffentlicht.

Es reiche nicht aus, den Ausbau erneuerbarer Energien zu fördern, so Studienautorin Corinne Le Quéré, die Direktorin des Tyndall-Zentrums für Klimawandel-Forschung an der britischen Universität East Anglia. "Das Bestreben, auf fossile Energien zu verzichten, muss auf die ganze Wirtschaft erweitert werden."

Den Wissenschaftlern zufolge wächst der Energiebedarf für Autos und Lkw, Luftfahrt und Schiffsverkehr zu schnell, als dass der Umstieg auf erneuerbare Energien bei der Stromerzeugung das ausgleichen könnte. Zudem dürfte demnach der Einsatz von Kohle als Energieträger 2018 angestiegen sein.

"Es ist klar, dass nun eine rasche Trendwende vonnöten ist. Nur mit einer deutlichen Verschärfung der Anstrengungen bei den Emissionsminderungen können wir uns die Option auf 1,5 Grad noch offenhalten", so Sabine Fuss vom Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change, die auch im Lenkungsausschuss des Global Carbon Projects mitarbeitet.

Freiwillige Zusagen reichen nicht, Staaten könnten nachschärfen

Das im Jahr 2020 in Kraft tretende Klimaabkommen von Paris sieht vor, dass die Staaten nicht zu Emissionsminderungen verpflichtet werden, sondern freiwillige Zusagen machen. Nach Schätzungen des Forschungsverbunds Climate Action Tracker würden diese in ihrer vorliegenden Form zu einem Temperaturplus von rund 3,2 Grad bis zum Ende des Jahrhunderts führen. Vergleichswert ist dabei der Beginn der Industrialisierung. Seitdem hat sich die Temperatur allerdings im Schnitt schon um ein Grad erhöht, vielleicht auch um 1,2 Grad.

Die Staaten können ihre Zusagen allerdings auch noch nachschärfen. Der Weltklimarat IPCC hatte jüngst in einem Sonderbericht erklärt, zum Erreichen eines Eineinhalb-Grad-Ziels müssten die weltweiten Emissionen bis zum Jahr 2030 im Vergleich zum Jahr 2010 um 45 Prozent fallen - und spätestens bis zum Jahr 2050 müsse der Kohlendioxidausstoß in der Summe auf null gebracht werden, so die Wissenschaftler. Dass dafür im großen Stil sogenannte negative Emissionen - also das aktive Entfernen von CO2 aus der Luft - nötig wären, sorgt für viele Diskussionen unter Experten - weil die Verfahren großtechnisch bisher nicht verfügbar sind. (Lesen Sie hier, wo die Probleme im Detail liegen.)

Doch statt nach unten gehen die CO2-Werte ohnehin vorerst wieder nach oben. Hauptantreiber für das Plus bei den Emissionen 2018 ist dem Bericht zufolge der steigende Energiebedarf in China und Indien. Es sei "wahrscheinlich", dass Kohle das chinesische Energiesystem auch noch im nächsten Jahrzehnt dominiere, sagt Jan Ivar Korsbakken von Cicero - auch wenn der Ausbau der Kohlefeuerung wohl nicht mehr so stark ausfallen werde wie Anfang des Jahrtausends.

In Indien ist ein starkes Wachstum für steigende Emissionen verantwortlich. Zwar bauen beide Länder massiv erneuerbare Energien aus - jedoch steige der Energiebedarf insgesamt einfach noch stärker.

Auch in den USA ist der CO2-Ausstoß in diesem Jahr demnach gestiegen, Grund seien vor allem die Witterungsverhältnisse in den kalten Monaten gewesen, so die Forscher. In den kommenden Jahren dürften die US-Emissionen allerdings den Prognosen zufolge wieder fallen. Dann würde billiger Strom aus neuen Gas-, Wind- und Solarkraftwerken alte Kohlemeiler aus dem Netz drängen.

In der Europäischen Union, die für zehn Prozent des globalen CO2-Ausstoßes verantwortlich ist, sanken die Emissionen nach der Projektion zwischen 2,6 und 1,3 Prozent.

Die Länder mit dem größten Treibhausgasausstoß sind laut "Global Carbon Project" in dieser Reihenfolge China, die USA, Indien, Russland, Japan, Deutschland, Iran, Saudi-Arabien, Südkorea und Kanada. Rechnet man die 28 Staaten der EU - sie verhandeln beim Klimagipfel immer gemeinsam - zusammen, liegen sie auf Platz drei hinter China und den USA.

Die CO2-Konzentration in der Atmosphäre wird der Projektion zufolge im Jahr 2018 weiter ansteigen auf durchschnittlich 407 ppm (Moleküle CO2 pro Million Luftmoleküle). Der Weltwetterorganisation (WMO) zufolge stieg sie 2017 von bereits 403,3 ppm auf 405,5.

CO2 ist das wichtigste Treibhausgas und entsteht vor allem durch die Verbrennung von Kohle, Öl und Gas, die Zementproduktion und andere Industrieprozesse sowie durch die Verbrennungsmotoren von Autos, Flugzeugen und Schiffen. Die CO2-Konzentration liegt inzwischen mehr als 45 Prozent höher als in vorindustrieller Zeit.

Video: Wir Berliner Klimahelden! - Wie eine Familie Treibhausgase einspart

Deutsche Welle

Zusammengefasst: Nach dem Jahr 2017 sind laut einer Prognose des Global Carbon Projects die weltweiten CO2-Emissionen auch in diesem Jahr wieder gestiegen. Das Plus liegt der Projektion zufolge irgendwo zwischen 1,8 und 3,7 Prozent. Genauer lässt sich der Wert wegen bestehender Unsicherheiten nicht festlegen. Wichtiger Treiber des Anstiegs waren China und Indien. Dort wächst zwar die Stromerzeugung aus erneuerbaren Quellen - aber nicht so stark wie der Energiebedarf insgesamt.

chs/dpa

insgesamt 102 Beiträge
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oresme 05.12.2018
1. wieso dann e-mobile mit Batterien?
Unter diesen Umständen gibt es wenig katastrophaleres als die emobilität. Die beginnt erst Sinn zu machen, wenn wir den Strom nicht mehr fossil erzeugen. Davor ist eine Steigerung des Stromverbrauchs nur eine delokation des Co2 Ausstoßes+der gravierenden Umweltfolgen aus der Batterie Produktion....
christoph_schlobies 05.12.2018
2.
Wir brauchen schnellstmöglich 1000 weitere AKW weltweit- zusätzlich zu Höhenwindkraftwerken,Solarzellen,da wo es sich lohnt uswusw Die AKW MÜSSEN SOFORT IN PLANUNG GEHEN. Nebenbei Frankreich ist der größte Lieferant von AKW-Technik. Frankreich wäre aus dem Schneider .- Anders geht es nicht - es gibt keine Grundlastkraftwerke in ausreichender Dimension ausser AKW und Kohle.
brathbrandt 05.12.2018
3. Mehr Diesel!
Wer CO2 mindern will, muss für den extrem effizienten Diesel sein. Warum sagt unsere Bundesregierung das nicht?
dirkcoe 05.12.2018
4. Sprechblasen bringen nichts
wofür unsere Desaster Merkel das beste Beispiel ist. Bei all ihrem Gefasel kann sie weder ein Verkehrskonzept, noch einen konkreten Ausstiegsplan aus der Kohle vorlegen - nichts wie dümmliche heisse Luft. Wir erinnern uns, bei den Jamaikaverhandlungen sah das schon Mal anders aus ,- da gab es konkrete Vorstellungen, welche Kraftwerke vom Netz gehen sollen. Aber wenn wir es nicht Mal schaffen - was erwarten wir dann von deutlich ärmeren Ländern?
lobro 05.12.2018
5. Fahrverbote für Benziner?
Kein Wunder, wenn jetzt alle den Diesel abschaffen und Benziner fahren. Dann kann kann ja die DUH bald wieder klagen.
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